Short Stories

"Schreibe jeden Satz so, dass man neugierig auf den nächsten wird." Das hat der amerikanische Schriftsteller William Faulkner gesagt. Dieses Credo gilt auch für die Short Stories, die wir euch in unserer Schmökerecke vorstellen. 



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Auf Abwegen

von Martin Swidersky

 

Sascha

Sascha wachte von dem Geschrei aus der Nachbarwohnung auf. Das Geschrei war zu einem morgendlichen Aufwachritual geworden. Zuerst die lauten Schreie durch die dünne Wand aus der Nebenwohnung und fünf Minuten später sein Wecker. „Warum Sie ihn nicht verlässt, versteht keiner hier in diesem gesamten Block“ dachte Sascha, als er sich in seinem Bett aufrichtet. Mühsam, die Schmerzen aus seinem Rücken und seinen Knien ignorierend, stellte er seine Füße auf den Boden.

Die einzige Lichtquelle im Raum war das digitale rote Licht des Weckers, welches 5:25 Uhr anzeigte. Das Dämmerlicht von der Straßenbeleuchtung in Kombination mit dem Weckerlicht, konnten nicht über die Trostlosigkeit des 10 qm Zimmers hinwegtäuschen: Billiges, Jahre altes Mobiliar auf einem ausgelaufenen gräulichen Teppichboden und kahle Wände.

Sascha fing an seine Knie zu reiben, damit das Brennen in den Gelenken aufhörte. Der Arzt sagte, die Schmerzen in seinem Rücken und in seinen Knien wären die ersten Anzeichen von Rheuma, mit 40 Jahren und nach Jahrzehnten auf dem Bau und im Taxigewerbe war dies kein Wunder. Die schweren Cortison-Tabletten halfen ihm, die übelsten Schmerzen zu überstehen, aber die Morgen und die Abende waren am schlimmsten. „Wo sind die Jahre hin?“ dachte sich Sascha und erinnerte sich an die Zeit als er noch jung war. Marie, wie sie vor ihm stand, gemeinsam in ihrem ersten Urlaub am Meer, bevor es alles irgendwie schwerer wurde. Ihr Lächeln als er sie an der Strandpromenade entlang führte, in dem weißen Sommerkleid, dass sie so liebte.

Das Klingeln des Weckers riss ihn aus seinen Tagträumen und mit dem Knacken seiner müden Gelenke richtete er sich auf und ging, mit schmerzverzerrtem Gesicht, zu dem Wecker und stellte das piepende Geräusche aus. 

Beim Kaffee in der Küche sinnierte er über sein Leben: Er war 40 Jahre alt,  hatte wenige, ergraute Haare, geschwollene Knöchel und Kniegelenke von der harten Arbeit auf dem Bau. Vor allem jetzt in den Herbstmonaten, in dem der eiskalte Novemberregen gegen die billigen Scheiben der kleinen Plattenbauwohnung prasselte, schmerzten die Gelenke schon bevor er aus dem Haus ging. Die Küche war in einem Zustand, die an Verwahrlosung grenzte, überall standen Teller und nicht gespülte Tassen, der Mülleimer quoll auf dem billigen Linoleumboden über und die Luft war entsprechend stickig. „Wie bin ich hier gelandet?“ dachte Sascha. Das Leben schien an ihm vorbeigerauscht, er war alt und lebte in einer heruntergekommenen Wohnung in einem Scherbenviertel der Stadt. „Als ich auf der Schule war schien alles noch richtig zu laufen, jetzt schindest du dich seit 17 Jahren in zwei Berufen durch, die du hasst und die dich krank machen! Ab wann ist es so geworden, wie es ist?“ dachte sich Sascha als er die Tasse in die volle Spüle stellte, einen Stift nahm und auf ein Post-it schrieb: Bitte mache die Küche bevor ich komme.

Als er sich den Mantel umschwang und durch den kurzen Gang Richtung Tür ging, hielt er kurz vor der geschlossenen Tür zu seiner rechten inne und legte zärtlich die Hand auf das Holz. „Würde ich es anders machen, wenn ich könnte?“

Sascha ging die letzten Schritte zur Haustür, machte sie auf und nahm den üblichen Geruch aus Kohl, Urin und nassen Beton in sich auf, bevor er zum ersten seiner zwei Jobs ging.

 

„Sascha, Mittagspause“ rief Rocco. Mühsam watschelte Sascha mit seinem runden Gang den matschigen Weg zu dem Container entlang, indem es einen kleinen Aufenthaltsraum für die Maurer auf dem Bau gab. „Pünktlich wie immer, Rocco, nie eine Minute zu spät für die Pause“ scherzte Sascha, als er Rocco vor dem Container erreichte. „Du weißt doch wie es ist, wenn wir heute nicht fertig werden, wird es morgen und wenn morgen nicht dann übermorgen“ grinste Rocco zurück. Rocco war an die 45, zwei Meter groß und hatte riesige Pranken. Die harten Jahre auf dem Bau und die vielen Zigaretten hatten sich tief in Roccos Gesicht eingegraben und sein Aussehen schüchterte die meisten, die ihn nicht kannten, sofort ein. Dabei war Rocco einer der wenigen Menschen, denen Sascha voll und ganz vertraute. 15 Jahre gemeinsam auf dem Bau schweißten sie zusammen. Es kam ihm zeitweise so vor, als wüsste Rocco mehr von ihm als sein eigener Sohn.

Als sie sich niederließen in dem engen Kabuff, waren sie alleine. Beide nahmen einen Bissen von ihrer Brotzeit und schwiegen. Sascha bemerkte nach einer Weile, dass Rocco ihn heimlich anstarrte, aber jedes Mal wenn er zu ihm rüber schaute, blickte Rocco weg. „Spucks schon aus, was du sagen willst, ansonsten erstickst du dran“ meinte Sascha als Rocco erneut seinem Blick auswich. „Nichts, ich wollte nur wissen wie es dir geht? Heute ist ja der Tag, du weißt schon, mit Marie“ druckst Rocco, während er Sascha nicht in die Augen schauen konnte. Die Erinnerung brach über Sascha herein, die glücklichen Momente als er Marie in der Schule kennenlernte, die verrückte und freie Art die sie ausstrahlte und dabei immer das positive im Leben und in den Menschen sah, zog ihn damals schon in ihren Bann, die heimlichen Küsse auf dem Spielplatz, das erste unbeholfene Mal mit ihr und danach der gemeinsame Urlaub am Meer. Es folgten die Monate der Schwangerschaft, die Geburt von Kevin und der gemeinsame Einzug in die Wohnung. 

Es kamen aber auch die Erinnerungen an schwierige Zeiten: Das schlagartige Erwachsenwerden, indem er Geld verdienen musste anstatt die Schule fortzusetzen, die Sorgenfalten auf Maries Stirn, wenn er abgekämpft nach Hause kam und es trotzdem nicht genug Geld am Ende des Monats war. Aber sie schafften es gemeinsam, er und Marie brachten Kevin groß, er war jetzt 17, besuchte die private FOS für die Sascha seit Jahren die Doppelschichten Taxi fuhr. 

Kurz streifte Sascha auch die Gedanken an die dunkelsten Stunden, bevor er die Gedanken verbannen konnte.

Er konnte sich zu gut nur an die langen Nächte im Krankenhaus erinnern, durch die nach Desinfektionsmittel stinkenden Gänge zu streifen und den schlechten Kaffee aus dem Pappbecher runterzuspülen, um wach zu sein wenn Marie ihn brauchte. Er war bei ihr, wenn sie in der Nacht aufwachte und ihn ansah, mit der Angst und dem Vorwurf, warum es sie erwischt hat. Er war bei ihr und sah, wie mit jedem Tropfen ein wenig mehr von dem Leuchten aus Marie Augen verschwand und sie sich in eine gebrechliche, inkontinente, alte Frau verwandelte. Die schlimmste Erinnerung war nicht der Moment als es vorbei war, es war nicht die Beerdigung oder die Realisierung, dass sie weg war. Der schlimmste Moment war die Nacht kurz vor dem Ende.

„Was haben wir für ein Leben geführt, Sascha?“ wisperte sie. „Wo sind unsere Träume hin? Du und ich gemeinsam alt werden, unsere Enkel auf dem Schoß halten und die Frau von Kevin in unser Herz schließen. Alles vorbei, es wird nicht passieren.“ In ihrer Stimme lag etwas Endgültiges und zutiefst geschlagenes. „Du arbeitest dich kaputt und alles was ich dir geben kann ist nur noch mehr Ärger und Rechnungen.“ Sascha erinnerte sich wie er dastand und ihr widersprechen wollte, sich dann aber doch zurückhielt als er in ihren Augen eine Verzweiflung las, die ihn verstummen lies. „Wir haben vieles gemeinsam geschafft du und ich, Sascha und dafür werde ich dir auch immer dankbar sein. Aber ich möchte dass es Kevin anders ergeht als uns. Er soll nicht wie du dich kaputt schuften und er soll mehr in seinem Leben bekommen als wir bekamen.“ Marie schaute ihn an und er bemerkte die stummen Tränen. „Versprich mir das, Sascha. Es soll anders für ihn sein, auch wenn er es nicht einsehen mag. Das ist alles worum ich dich noch bitte.“

 

Fünf Jahre war es her, fünf lange Jahre in denen Sascha alles daran tat, sein letztes Versprechen an Marie zu halten, alles andere war zweitranging. Tagsüber auf dem Bau und vom frühen Abend bis spät in die Nacht Taxifahren, alles damit Kevin die besten Schulen besuchen konnte. Bildung war der Weg aus dem Sumpf von Gewalt, Armut und Krankheit. Er bestand darauf, dass Kevin sein Fachabitur machte, weil er es Marie versprochen hatte. Die Flausen von Kevin, eine Ausbildung als Schreiner anzufangen, hat er ihm schnell mit ein paar lauten Worten, die keine Widerrede duldeten ausgetrieben. Seit dem heftigen Streit vor eineinhalb Jahren war das Verhältnis zwischen ihm und Kevin schlechter geworden als es eh schon war, teils weil er ihm seinen Ausbildungswunsch verbot, teils weil sie sich kaum sahen zwischen seiner Arbeit und sie sich deswegen langsam entfremdeten. „Sobald Kevin sein Abitur hat, brauche ich nur noch eine Schicht fahren und es wird schon wieder besser zwischen uns“ dachte sich Sascha „ Er wird es besser haben als wir es hatten, wie ich es dir versprochen hab!“.

„Wie soll es mir schon gehen, alles gut Rocco“ sagte Sascha und kaute weiter auf seinem Brot.

 

Sascha wand sich auf den Fahrersitz des Taxis. Das Stechen in seinem Rücken wurde dadurch nicht besser. Die Schmerzmittel die er dagegen schluckte, zeigten seiner Meinung nach keinerlei Wirkung. Es war ein ruhiger Abend mit kaum Kunden. Er fuhr gemächlich in westlicher Richtung auf der Straße, die untergehende Sonne vor den grauen Wolken blendete ihn leicht als er auf der zweispurigen Fahrbahn hinabglitt. „Ich kann ja eventuell heute früher Schluss machen“ dachte sich Sascha „etwas Zeit mit Kevin verbringen.“ Sie hatten schon lange nicht mehr Zeit verbracht, Sascha konnte sich nicht daran erinnern wann sie das letzte Mal wirklich miteinander gesprochen haben, von Vater zu Sohn. „Er würde die Fahrt zur Zentrale noch beenden und dann nachhause aufbrechen“ dachte sich Sascha.

Plötzlich hörte er das Knallen vor ihm. Aus genug Krimis kannte er das Geräusch eines Schusses. Perplex ließ er den Wagen noch weiter rollen. Auf dem Gehsteig vor ihm entwickelte sich ein Tumult zwischen mehreren Männern und zehn Meter vor ihm trat ein Mann auf die Fahrbahn, er konnte nur unscharf die Umrisse gegen die Sonne erkennen. Er merkte aber wie die Person etwas Schwarzes in der Hand hielt und es nach oben hob in Richtung der Menge.

Sascha konnte später nicht mehr rekonstruieren, warum sein Körper so reagierte und das Gaspedal bis zum Anschlag durchdrückte. Die 150 PS schossen nach vorne und drückten Sascha in den Fahrersitz, drei kurze Sekunden später spürte er den Aufprall und sah den Mann über die Motorhaube fliegen. Das Aufprallgeräusch wurde gedämpft von dem Rauschen seines Blutes in den Ohren und er kämpfte gegen die Übelkeit an, die der Zusammenstoß in ihm auslöste. Er wusste nur, er hatte etwas Schlimmeres verhindert. „Kevin wird mir nicht glauben, dass ich heute ein Verbrechen gestoppt habe“ dachte Sascha als er den Wagen zum Stehen brachte und anfing zu zittern.

 

Kevin

Bitte mache die Küche bevor ich komme.

„Bin ich denn sein Sklave oder was?“ dachte sich Kevin. Kein guten Morgen, kein Gruß, ein hingerotztes Bitte welches den Befehl von Sascha abschwächen sollte. Kevin saß in der kleinen dreckigen Küche und las das Post-IT. „Seit wann nenne ich ihn eigentlich Sascha und nicht mehr Papa?“ fragte sich Kevin.

Kevin wollte vor eineinhalb Jahren nach seinem Realschulabschluss eine Ausbildung zum Schreiner machen. Er hatte schon immer gerne mit Holz gearbeitet und er wäre froh gewesen aus der Schule herauszukommen, da ihm das Lernen nie leicht fiel. Er wollte zudem auch Geld in den Haushalt mit einbringen, da er Sascha kaum noch sah und er in dessen Augen die Schmerzen sah, die ihm sein harter Job beschaffte. Als er diesen Vorschlag vorbrachte, rastete Sascha aus. Es fielen viele harte Worte in den Streit, Dinge die lieber hätten nicht gesagt werden sollen. Am Ende war es so wie es war. Sascha schickte ihn auf die private FOS und Sascha verlor das Recht von Kevin Papa genannt zu werden. „Nicht, dass es ihn groß kümmern würde“ dachte er sich. 

Kevin wusste welcher Tag heute war, versuchte die Gedanken daran aber zu verdrängen. Ungebeten kamen die Erinnerungen trotzdem: Seine Mama im Krankenhaus. Die Wochen bei seinem Freund Murat und dessen Familie von gegenüber, in denen er Sascha nicht mehr sah, da dieser praktisch im Krankenhaus eingezogen war. Er bekam mit wie seine Mama immer schwächer wurde und wie sie dann am Ende den Kampf gegen den Krebs verlor. Er bewunderte sie dafür, dass sie in all der Zeit nie die Zuversicht verlor, immer optimistisch war und sich nie vor ihm etwas anmerken ließ. Die Gedanken an seine Mama waren tief in ihm vergraben, wegesperrt, er war ein Mann, er würde stark bleiben. Nur manchmal kamen diese Gedanken noch hoch, vor allem heute. Fünf Jahre. 

Sascha veränderte sich danach. Er kannte ihn kaum noch, da sie keine Zeit mehr füreinander hatten. Kevin war häufig alleine, da Sascha nur noch seine Arbeit kannte. Es war, als wäre seit dem Tod ein Graben zwischen ihnen getreten. Sein einst liebevoller Papa schien sich nicht die Bohne mehr für ihn zu interessieren. Es gab nur noch Arbeit, Arbeit und Arbeit und den Druck dass er Abitur machen sollte.

Kevin stand auf und stellte die Tasse neben die benutzte Tasse von Sascha in die Spüle. Er würde heute nicht gehen. Er ertrug es nicht in dieser Schule. Er war ein Außenseiter, die Leute mit ihren teuren Klamotten, das viele Geld von den Eltern und den zwei Urlauben im Jahr. Dort war er ein Alien, dessen Klamotten auseinanderfielen und der aus dem Scherbenviertel der Stadt kam. Seine Noten rauschten in den Keller, Freunde fand er dort keine. Unter dem Druck dem er stand, konnte er Sascha nicht erzählen, was wirklich in der Schule los war, wenn er ihn denn überhaupt mal sah. Er verstand einfach nicht warum ihn Sascha zwang. Jedes Mal wenn es um die Schule geht, hörte er nur: Bringe es zu Ende. Mach dein Fachabitur. „Dieselbe alte Leier wie immer“ dachte sich Kevin und ignorierte das Gefühl der Einsamkeit bei dem Gedanken. Er schnappte sich seine Jacke und verließ die Wohnung.

 

Der Vorplatz des Plattenbaus war eine Betonwüste, in deren Mitte ein rostiger Spielplatz aufgebaut war. Das, was man mit sehr viel gutem Willen noch als Sandkasten bezeichnen konnte, war komplett verdreckt  und die Schaukeln hingen traurig und müde an den rostigen Stangen. Gegenüber auf einer Bank saß Murat unter einer der wenigen krüppeligen Fichten, die der Architekt am Leben hat lassen. Kevin ging langsam auf seinen Freund zu. Murat war klein, hatte Übergewicht und intelligente Augen, wenn sie nicht durch den stetig anwesenden Joint in seiner linken Hand glasig waren. Murat und er kannten sich noch aus Kindertagen und waren seitdem Freunde. Murat brach die Schule in der 9. Klasse ab und arbeitete mal hier und da um sich über Wasser zu halten. Trotz all den Schwierigkeiten schien er immer Bargeld zu haben, hier ein 50er für die Bar, dort das neuste Smartphone auf dem Markt. Kevin fragte sich, woher er das Geld hatte, aber als einzige Antwort kam von Murat: „Geschäfte“. 

„Ja Digger schau an, hier kommt ja unser Nobelschüler, kommst du zu uns Dummen auch mal vorbei?“ scherzte Murat. „ Fick dich Alter“ sagte Kevin „musst du heute nicht irgendwo Steine schleppen oder ein Klo putzen?“ Beide schlugen die rechte Hand aneinander und gaben sich die Faust. 

„Was geht bei dir, Kevin? Keine Schule?“

„Ne, echt kein Bock auf den Kackladen! Ich will dort nicht mehr zu den Schnöseln, das sind doch alles nur Opfer. Prahlen mit ihrer Scheißkohle von Papa.“

„Na hättest was Gescheides gelernt wie ich, könntest du auch in Kohle schwimmen. Halt dich an mich und du kommst groß raus.“ witzelte Murat.

Kevin sah ihn an und überlegte. Er hatte genug von dem ganzen Mist. Er hatte genug von der kleinen abgefuckten Wohnung, er hatte genug von der ganzen Scheiße. Er hatte mehr verdient im Leben als dies. „Ein bisschen Geld verdienen wäre schon was. Was steht bei dir heute an?“

Murat sah ihn an und runzelte die Stirn. „ Du weißt, ich liebe dich wie ein Bruder, Digger, aber ich denke das ist nichts für dich. Geh lieber in die Schule.“

In Kevin kochte die Wut hoch, die Mischung aus dem heutigen Tag, die Nachricht von Sascha und die Scheiße in der Schule bahnten sich ihren Weg in seine Worte. „Du bist genauso ein Arschloch wie die anderen. Bist wahrscheinlich tatsächlich am Toilettenputzen um deine scheiß Kohle zu verdienen.“

Murats Gesichts verzog sich zu einer wütenden Grimasse. „ Fick dich, Kevin. Machst hier eine auf große Klappe und hast kein Peil. Du willst den großen Macker spielen, dann komm. Ich wette, du verpisst dich, bevor der Tag zu Ende ist!“ Wütend schnippte er den Rest des Joints ins Gebüsch und ging Richtung Straße. Kevin folgte ihm.

 

Sie gingen die Straße entlang, die letzten Sonnenstrahlen, die von den Regenwolken nur halb bedeckt waren, blendeten Sie. Kevin war nervös. Er dachte an die vorangegangenen Stunden und ihm war mulmig zumute, obwohl nichts passiert war.

Sie waren den ganzen Tag durch die Stadt gelaufen. Murat war überwiegend am Telefon und sprach Türkisch mit mehreren Personen. Der erste Halt war eine weitere Plattenbausiedlung im Osten. Im 12. Stock betraten sie eine Wohnung, welche klein, schmutzig und von fünf Leuten bewohnt war. Ein Mann mit Glatze führte sie in die Küche und sprach mit Murat auf Türkisch. Dieser legte 200€ auf den Tisch, bar und in 50ern. Der Mann zählte sie und reichte ihm dann ein Paket. Mit einem Handschlag war die Übergabe besiegelt und Murat und Kevin standen wieder vor der Tür. 

Der nächste Stopp war ein Reihenhaus in einem gepflegten Vorort, wo sich ein ähnliches Ritual wie bei dem Plattenbau von statten ging. Als sie aus der Haustür raus waren, fasste Kevin Murat an dem Arm: „Murat, was soll das alles? Wenn du hier dealst, bin ich raus. Ich habe kein Bock in irgendwas reinzugeraten.“ Murat sah Kevin an und brach in lautes Gelächter aus. „Dealen? Kevin, bist du gelähmt? Glaubst du ich bin Scarface?“ Murat musste sich nach vorne lehnen um vor lauter Lachen wieder Luft zu bekommen. „Du schaust eindeutig zu viele Actionfilme, Digger“ schniefte Murat zwischen seiner Schnappatmung hervor. „Was soll der ganze Scheiß dann hier, du Penner?“ fragte Kevin verwirrt. „Mein Cousin, der der im Knast saß“ erklärte Murat „ gibt mir Geld und schickt mich los, diese Kuriergänge zu machen. Ich kaufe die Pakete, bringe Sie zu dem Treffpunkt von uns und er bezahlt mich dafür. Mehr nicht. Und ich wollt dir nur nicht zeigen, wie einfach ich mein Geld verdiene. Habe ja auch einen Ruf zu verlieren“.

„Weißt du was in den Paketen drin ist?“ fragte Kevin, nicht wirklich beruhigter als zuvor.

„Nein ist mir aber egal. Ich gehe ein Tag spazieren und erhalte Kohle dafür und es ist nichts passiert bisher. Es ist sogar Arsch langweilig“. Mit einem Lächeln ging Murat die Straße entlang und fragte: „Kommst du, Alter?“. Die letzten Zweifel beiseite wischend folgte ihm Kevin. Wohl war ihm nicht dabei, aber er wollte vor Murat auch keine Schwäche zeigen.

Nun standen Sie auf dem Gehweg neben der Straße und die Sonne blendete sie leicht. Murat ging neben ihn und hielt die Pakete in der Hand. Sie gingen im gemütlichen Tempo und scherzten vor sich hin. Auf einen Schlag veränderte sich alles, als eine Gruppe von drei maskierten Männern aus der Seitengasse auf sie prallte. Die Zeit verlangsamte sich für Kevin als das Adrenalin in seine Adern schoss. Er sah wie zwei der Männer an den Paketen rissen, die Murat im Schock fest umklammerte und nicht losließ. Der dritte zog etwas aus seinem Hosenbund und richtete es auf Murat. Die Zeit verfloss wie Honig, als sein Hirn versuchte zu verarbeiten, was gerade geschah. Der maskierte Mann schoss auf Murat. Der Knall summte in Kevins Ohren als er sah, wie Murat auf den Boden fiel und beide Männer die Pakete aus seinen Armen rissen. Alle drei drehten sich um und rannten von dem Tatort weg. Unterbewusst merkte Kevin wie er rückwärts eine Erhöhung hinabstieg und sein Handy heraushob um den Krankenwagen zu rufen. „Fuck, Fuck, Fuck“ war der eine Gedanken, der ihm durch den Kopf ging. Der einzig andere, der erstaunlich klar und ruhig an die Oberfläche kam war „Das ist nicht meine Welt. Warum bin ich nicht in die Schule gegangen!“

Er hörte das Rauschen des Windes, bevor er den Aufprall spürte. Er flog über das Auto, das auf ihn zugerast war und sah bei dem Überschlag noch das leuchtende Taxizeichen. Der letzte surreale Gedanke vor dem Aufschlag auf den harten grauen Asphalt war: „Wie erkläre ich Papa, dass ich die Küche nicht gemacht habe?“ 

Danach wurde es dunkel.


Abgetaucht

von Barbara Szauer

 

 

„Schau Mutti!"

Willi hielt die Mutter am Ärmel fest.

„Schau doch! Fische! Der is' vorn ganz rot! Und guck' mal! Den find' ich lustig, der schaut aus wie'n Zebra!" Willis Nase klebte am Schaufenster des Zoogeschäfts, er kicherte:

„Sie machen oooh und raus kommt nix!"

Die Mutter sah ihn von der Seite an und schüttelte den Kopf. Willi kicherte sonst nie.

 

Willis Vater war Versicherungskaufmann und hielt auch zu Hause Vorträge: Willi sollte nicht träumen! Willi sollte nicht so viel aus dem Fenster schauen! Willi sollte in Schulbüchern, nicht in anderen blättern.

Damals war Willi acht.

Er studierte das Fernsehprogramm und verfolgte jede Sendung, in der Fische gezeigt wurden. Er bettelte bis die Mutter ihm Geld für ein Lexikon der Unterwasserwelt gab. Später las er nur Bücher, in denen mindestens ein Fisch vorkam. Er sparte jeden Cent für ein Aquarium und bombardierte die Mutter, wann sie sein Erspartes aufstocken würde, damit er eines kaufen könne. Als die Mutter fragte, warum denn ausgerechnet Fische, antwortete Willi:

„Sie sind schön und sie sind stumm".

 

Obwohl Willi eher Fisch- als Schulbücher las, schaffte er den Übertritt ans Gymnasium. Sein Vater war überzeugt, nur deshalb, weil seine Vorträge auf fruchtbaren Boden gefallen waren und intensivierte seine abendlichen Ansprachen. Am Ende eines Vortrags, dem er in stummer Aufmerksamkeit gefolgt war, dachte Willi, er hätte sich aufgrund hingebungsvollen Lauschens etwas verdient und fragte leise:

„Zum Geburtstag könnte ich da...vielleicht...ein Aquarium??

Die Augen des Vaters rundeten sich, weit öffnete sich der Mund, Willi sah das Zäpfchen, Löwengebrüll folgte:

„Ein Aquarium, bin ich Krösus?"

Willi hielt sich die Ohren zu und dachte an den gelben Buntbarsch, den er bei Zoologie Hartmann gesehen hatte, wie der durchs Wasser segelte, das winzige Maul aufgerissen, aber man hörte nichts, nicht das kleinste Bisschen, auch wenn man das Ohr an die Wand des Aquariums presste. Und wie schön der war! Vater war nicht bloß laut, Vater war hässlich. Gott sei Dank hatte er nur die klobige Hängenase geerbt!

Der Vater riss ihm den Arm vom Ohr.

„Hör' mir gefälligst zu, wenn ich mit dir rede! Ein Aquarium! Konzentrier' dich lieber auf deine schulischen Leistungen! Das ist es was im Leben zählt. Leistung! Schau mich an. Mein Vater war Dachdecker. Ich hab' es zum stellvertretenden Direktor gebracht!"

 

Als Willi elf war trotzte er beim Mittagessen, er würde keinen deformierten Fisch essen, ja er würde überhaupt nichts mehr essen, wenn er nicht endlich ein Aquarium bekäme. Zum zwölften Geburtstag schenkten ihm die Eltern das ersehnte. Vier Jahre hatte er darauf warten müssen:

„Ein Aquarium ist zu teuer!"

„Ein Aquarium ist doch nichts für einen Buben!"

„Ein Aquarium ist langweilig!"

 

Am Gymnasium fiel auf, dass Willi oft eine Entschuldigung hatte, wenn es Sportunterricht gab. Später nahm er teil, doch wenn der Lehrer ihm etwas zurief, schien er nichts zu verstehen. Ein Schulkamerad fand heraus, in Willis Ohren steckte Ohropax. Er konnte das Geschrei und Gejohle beim Ballspiel nicht ertragen. Auch vor dem Klingeln nach jeder Stunde, vor Pausen, griff er nach den wächsernen Stöpseln. Ebenso kamen sie bei Vaters Vorträgen, wenn diese absehbar waren, zum Einsatz.

 

Entgegen Vaters Vorstellungen, studierte Willi Biologie. Nach langen Vorträgen gab der Vater die Erlaubnis unter der Bedingung, dass Willi Biologie und Chemie auf Lehramt studierte. An der Uni war Willi mit zwei Studienkollegen befreundet. Gallus, der eigentlich Georg hieß, kannte er schon seit der Volksschule. Max hatte er im Zoologie-Fachgeschäft kennengelernt.

 

Noch nie hatten die Freunde Willis Zuhause gesehen. Sie trafen sich an der Isar oder im Biergarten, auf Willis Wunsch hin nur, wenn das Wetter dafür eigentlich zu kalt war. Manchmal ging Willi mit den Freunden ins Schwimmbad. Dort entzog er sich dem Lärm, indem er endlose Bahnen unter Wasser zog und so selten zum Atemholen auftauchte, dass seine Freunde witzelten, er wäre mutiert.

 

Nach bestandenem Examen lud Willi zu einer Feier in die eigene Wohnung. Max kam alleine. Gallus brachte seine Freundin Samantha mit. Der dritte Gast war ein Freund aus Kindertagen, ein Maler, der den Künstlernamen „Guppy" angenommen hatte.

 

Willi wohnte im Dachgeschoß eines Jahrhundertwendehauses. Er empfing seine Gäste in einem grünen Filzanzug mit aufgenähten Schuppen, auch über das lockige Haar hatte er eine Schuppenkappe gestülpt. Nur große braune Augen und eine lange, traurig hängende Nase drängten unter den Schuppen hervor. Die braunen Augen blieben an Samantha hängen oder an ihrem roten Kleid, das schmale blaue Streifen zierten.

Die Augen der Gäste wanderten zur Flurdecke. Dort hingen bunte Plastikfische. Stolz erzählte Willi, er hätte sie bei der Auflösung eines Spielwarengeschäftes erworben.

 

Er führte die Gäste durch die Wohnung. Im Wohn-/Arbeitsraum standen zwei Aquarien. Das Schlafzimmer war winzig, eine Koje mit breitem Bett, besetzt mit Meeresgetier aus Mohair in solcher Dichte, dass Max sich fragte, ob Willi unter dem Bett schlief. Als Willi die Tür zum Bad öffnete, weiteten sich die Augen der Gäste: Fische schwammen auf Vorhängen an Fenster und Dusche, sie lagen faul auf der Badematte, ein gelber wälzte sich in einer Muschel auf dem Waschbecken, der meerblaue Bademantel war mit einem aufgestickten Hai geschmückt.

„Geburtstagsgeschenk von Mutti", erklärte Willi.

 

Max starrte. Gallus' Augen wanderten vom Duschvorhang zur Fischseife, von der Badematte zum Bademantel. Er räusperte sich, als wollte er etwas sagen, sagte aber nichts. Guppy witzelte: „Fischers Fritz ..." und meinte so viele Namensvettern hätte er noch nie in einer Wohnung getroffen.

Gallus Freundin Samantha gluckste, hielt die Hand vor den Mund und prustete:

„Das ist nicht dein Ernst!"

Max sah Willi an. Wie würde er reagieren? Willis Blick zeigte Erstaunen, Empörung oder gar Wut?

Willi nahm die Seife in die Hand, ging auf Samantha zu. Gallus griff nach ihrer Hand und zog sie zu sich. Willi hob die Hand:

„Ich schenke dir diese schöne Seife als Andenken an den heutigen Abend",

begann er und legte die Seife in Samanthas Hand, „diese Seife gibt es nicht zu kaufen. Ich hab' sie selbst hergestellt, aus Rindertalg, Kokosöl, Natronlauge, Laich, Krötenhaut, den fein gehackten Innereien eines Seewolfs ..."

Samantha ließ die Seife fallen.... die gelbe Farbe kommt vom... Gallen...

Willi starrte auf die blauen Bodenfliesen. Dort lag ein gelber Fisch, zerbrochen in vier Teile und ein paar Brösel. Sein Gesicht verzog sich. Er kniete nieder, sammelte die Stücke auf, hielt sie aneinander, stammelte:

„Er war der letzte seiner Art, aber für dich...!" Seine Augen glänzten.

Eine Verlegenheitswelle breitete sich aus.

„Komm, Willi, du wolltest uns doch was Tolles zum Essen kredenzen",

Max legte ihm die Hand auf die Schulter.

Willi bewegte sich nicht, eine Träne tropfte auf Fliesen und Seifenbrocken

„Ist doch nur Seife!" tröstete Samantha.

Sie beugte sich zu ihm, nahm ihm die Seifenbrocken aus der Hand.

„Ich mach' sie wieder heil", sagte sie leise, ging zum Waschbecken, befeuchtete die Teile und presste sie aneinander. Der Zitronengelbe war kürzer als vorher und die zerbröselte Rückenflosse ließ sich nicht restaurieren. Behutsam bettete Willi ihn in die gläserne Muschelschale.

„Du bekommst einen neuen, bloß gelb geht nicht mehr, kein Gallenfarbstoff", murmelte er. Samantha lächelte zaghaft. Willi schniefte und steuerte Richtung Küche.

„Ich mach' uns jetzt den Fisch".

„Fisch??" fragte Max. „Fisch"? wiederholten die anderen Gäste.

„Ja, was Spezielles", damit verschwand er in der Küche.

 

Als Willi wiederkam, wehte der Duft von Frischgebackenem herein. Er platzierte eine Platte in die Mitte des Tisches. Ein gigantisches Blätterteiggebilde lag dort. Als Willi es zerteilte, roch es fischig. Nach dem ersten Biss sahen sich die Gäste fragend an. Gallus äußerte, es schmecke gut, aber es wäre doch Fisch und er hätte gedacht, Willi würde keinen...

„Es ist kein Fisch, es sind Meeresfrüchte im Blätterteigmantel, nach einem eigenen Rezept", Willi sah stolz in die Runde, „Meeresschnecken, Meerfenchel, etwas Mönchsbart und das Wichtigste: Geschlechtsdrüsen und Eier der Seeigel!"

Samantha fiel die Gabel aus der Hand. Sie sprang auf und lief Richtung Toilette.

„Aber alles ist ganz frisch", rief Willi ihr hinterher.

„Mmh ja, ganz frisch, Seeigel darf man sie..., kann man sie..., wieso bekommt man die hier überhaupt", Max sah Willi an.

„Ich kenne ein Geschäft in der Innenstadt, die haben die ab und zu. Ich kann Euch sagen, was man da alles kaufen..."

Ein Schrei aus der Gästetoilette unterbrach seiner Erklärung. Willi presste die Hände auf die Ohren, löste sie vorsichtig wieder. Lauschte. Dann eilte er hinüber und rief durch die WC-Tür:

„Ist das nicht ein toller Effekt? Hab` ich alles selbst ausgetüftelt und verlegt!"

Wieder zurück am Tisch erzählte er, wenn man die Spülung betätigt, erklingt Musik und gleichzeitig senkt sich ein an der Decke hängender Lampenfisch so ab, dass man ihm direkt in die Augen blickt.

Max und Gallus sahen sich an, sahen auf die Kringel und Gräser im Teig und aßen skeptisch weiter. Samantha behauptete, es ginge ihr nicht gut, sie hätte irgendwie keinen Hunger.

 

Als Nachtisch servierte Willi ein grünes Gelee, in dessen Mitte ein Fisch aus weißer Schokoladenmousse schwamm. Das glibberige Gelee erinnerte Samantha an die Seifenzutaten. Sie stocherte in der Masse, brachte den grasgrünen Wackelpudding zum Zittern, den weißen Moussefisch zum Tanzen. Dann sah sie zu den anderen hinüber. Max hatte schon das ganze Dessert verzehrt, Gallus nur den Fisch und die Glibbermasse auf dem Teller gelassen und Guppy zog mit den Spitzen der Dessertgabel ein Wellenmuster ins Gelee.

„Schmeckt es euch nicht?"

Willi leckte die letzten Geleemoleküle vom Löffel und blickte fragend in die Runde:

„Doch", sagte Max, „doch, doch", wiederholte Gallus.

 

Auf dem Nachhauseweg, im Auto, wandte sich Samantha an Max und Gallus:

„Findet ihr Euren Freund nicht seltsam?"

Und ohne eine Antwort abzuwarten, fügte sie hinzu:

„War er eigentlich schon immer so?"

Max zuckte mit den Schultern.

„Er ist einsam, wenig Freunde, noch nie eine Freundin..."

„Er ist halt ein Fanatiker", unterbrach ihn Gallus, „ein bisschen verrückt, na und, wir haben uns doch amüsiert oder nicht?"

„Ja, es war...es war sehr komisch, nur das Meeresfrüchteding...", bestätigte Samantha.

 

Nach dem Studium verloren sich die Freunde aus den Augen. Gallus trat eine Stelle in Mainz an. Max lernte Marina kennen und sah Willi lange nicht.

Eineinhalb Jahre später traf er Willi im Café. Willi trug einen goldenen Ohrring, an dem ein winziger Fisch baumelte. Er rührte pausenlos in seiner Kaffeetasse und erzählte von Lavinia. Endlich, dachte Max, endlich hat er eine Freundin.

„Willst du sie sehen", fragte Willi.

„Sehen? Ist sie denn hier in der Nähe?"

„Nein, ich habe ein Video von ihr gedreht."

„Ein Video?"

„Ja, einen Moment!" Willi wischte auf seinem Smartphone herum und schob es zu Max hinüber. Zuerst war da gar nichts oder doch... so ein grünliches Schimmern. Hatte er sie etwa verkleidet, als Nixe vielleicht? Wasserblasen stiegen auf, Algen wehten...

„Gleich, sie kommt gleich", beruhigte ihn Willi.

Max blinzelte. Ja, da war ein Schwänzeln, eine schlängelnde Bewegung, etwas Rötliches mit blauen Streifen wedelte mit der Schwanzflosse.

Max sah auf.

„Ist sie nicht zauberhaft?", Willis Augen leuchteten, „es ist eine Lythrypnus gilberti, eine Blaubandgrundel." Max schluckte. Als er Willis enttäuschten Blick bemerkte, glättete er sein Stirnrunzeln, lächelte und meinte, ich dachte, du hättest eine Freundin.

„Lavinia ist meine Freundin", behauptete Willi.

„Aber du kannst nichts mit ihr unternehmen, nicht reden, lachen, essen, von anderem ganz zu ...!"

„Aber das ist es ja gerade. Sie erfüllt alle meine Wünsche!"

„Die da wären?"

Sie wird nie laut, sie öffnet ihr Mäulchen höchstens zu einem stummen Oooh, sie bezaubert mich mit ihrem Aussehen, mit ihren tollen Farben, ihrem eleganten Flossenschwung. Du solltest sie in Wirklichkeit sehen, dann würdest du mich verstehen! Komm doch am Samstag zu mir! Max schluckte, aber da Willi ihn so erwartungsvoll ansah, unterdrückte er einen Seufzer und sagte:

„Okay, ich komme!"

 

Als Max sich die acht Treppen zur Dachwohnung hoch geschleppt hatte, stand Willi schon in der Tür. Er trug kein Fischkostüm, er trug ein T-Shirt mit der Aufschrift: There's nothing like fish. An seinen Hals baumelte ein Seepferdchen. Den Oktopusring bemerkte Max erst später.

 

Im Wohnzimmer stand neben den alten Aquarien ein riesiger, leerer Glaskasten, mindestens ein Meter achtzig lang und verbarrikadierte den Zugang zur Sitzgruppe. Stolz legte Willi die Hand auf den Schneewittchen-Sarg:

„Meine Neuerwerbung, zwei auf ein Meter, gebraucht, hab' ich superbillig gekriegt! Bisschen was hat Mutti beigesteuert. Was sagst du dazu?"

Max dachte, dass ihm sein eigenes, Vierzig-mal-fünfzig-Aquarium reiche, und es aufwendig und teuer sei, dieses zu bestücken und zu unterhalten, aber er sagte:

„Toll, wirklich toll!"

Dann bemerkte er, dass die Fische in den beiden anderen Aquarien erschöpft am Boden lagen. Nur einer wedelte matt mit den Flossen. Ein hübscher, leuchtend roter, schmaler Fisch mit durchsichtigen Flossen und violettblauen Streifen. Irgendwie erinnerte der Fisch Max an Samantha. Ach ja, damals bei der Examensfeier bei Willi trug sie ein rotes Kleid mit blauen Streifen.

Willi wies auf den Fisch und verbeugte sich:

„Freut mich! Mein Name ist Lavinia. Komme direkt aus Floreana oder Isabela, auf jeden Fall Galapagos!"

Max zwang sich ein Lächeln ab.

„Es ist heiß hier oben! Hast du das Kühlsystem für die Aquarien eingeschaltet?"

„Das eine ist defekt und bei dem anderen hab' ich grad' das Wasser gewechselt." „Aber der Wasserwechsel ist das eine und das Kühlsystem..."

Er sah Willi von der Seite an. Mein Gott, wie hatte er früher darauf geachtet, dass die Aquarien gewartet und gepflegt wurden.

Willi reagierte nicht, sah stattdessen Max mit leuchtenden Augen an und fragte:

„Und? Was sagst du?? Dieses Violettblau auf leuchtendem Rot! Dieses anmutige Schwänzeln! Hast du schon einmal so etwas Schönes gesehen?"

„Ja, sie ist hübsch, sie erinnert mich an Samantha", meinte Max.

„Samantha, Samantha...wer soll das sein", Willi klopfte auf die Glaskiste und

fuhr fort:

„Was meinst Du, wird Lavinia zu ihrer neuen Wohnung sagen, wenn sie erst mal eingerichtet ist? Ich habe Flammen- und Javamoos bestellt und kriechende Binse und für den Untergrund passend zur ihren blauen Streifen blauen Farbkies oder meinst du, ich sollte orangen Farbkies nehmen, den gibt es auch phosphoreszierend?"

 

Max war hin- und hergerissen zwischen Lachen und Entsetzen. Beinahe hätte er wie seinerzeit Samantha gegluckst: „Ist das dein Ernst?"

Aber in Willis Augen sah er, es war ernst. Es gelang ihm, sich in eine sachliche Lakonie zu retten: „Ja, sie wird sich bestimmt wohl fühlen".

 

Zum Essen gab es Suppe. In der lauen, wässrigen Brühe schwammen Stücke von zäher Konsistenz. Um was es sich handelte, konnte Max nicht feststellen. Nach dem Essen benutzte er das Gäste-WC, Musik und Ex-Machina inklusive. Dann sah er zu, wie sich die bunten Fische auf dem WC-Papier im Wasser auflösten. Wo es so etwas zu kaufen gab?

„Dein WC-Papier ist neu", stellte Max beim Wiederbetreten des Wohnzimmers fest.

„Ja, ich habe es bedruckt mit einem selbst gefertigten Stempel."

„Wie... wie hast du das denn gemacht??"

„Na, abgerollt, bedruckt und wieder aufgewickelt."

Max überlegte, wie viele Stunden dies gekostet haben mochte bei einer Rolle auf dem Halter und drei auf dem Vorratsständer, brach die Überlegung jedoch ab, bevor er zu einem Ergebnis gekommen war.

 

Er fragte Willi, was er nach dem Studium gemacht habe, ob er schon eine Stelle habe. Willi sah ihn an, als ob er die Frage nicht verstünde und antwortete, dass seine Mutter wie immer die Miete zahle und ihm Geld für das neue Aquarium gegeben habe. Den Rest, das bisschen, was er für sich und sein Hobby brauche, bezahle er aus seinem Erbteil nach Vaters Tod. Ursprünglich fünfzig tausend Euro, jetzt noch dreißig tausend, das reiche noch eine Weile.

 

Als die Unterhaltung immer wieder stockte, Willi nichts fragte und nur erzählte, wie und wann er Lavinia gekauft hatte, dass sie Vegetarierin sei und am liebsten Banane und überbrühte Paprika esse, nur ab und zu schwarze Mückenlarven, dass sie besonders auf Mozarts kleine Nachtmusik reagiere, indem sie die Schwanzflosse hochstelle, meinte Max, er müsse nun gehen, sonst mache Marina sich Sorgen.

 

Max rief noch ein paar Mal an, aber Willi nahm nie ab, reagierte auch nicht auf SMS und Whatsapp. Kurz vor Weihnachten rief er wieder an und erreichte ihn endlich. Willi war sehr einsilbig, murmelte Unverständliches, das von Glucksen und Plätschern unterbrochen wurde. Er verstand nur „Weihnachten" und

„Lavinia... Lavinia...." Irgendwie gelang es Max, ihm ein Treffen für den zweiten Weihnachtsfeiertag abzuringen. Gegen 8.00 Uhr abends stieg er die Treppen hoch. Auf der vorletzten Treppe kam ihm ein dünnes Rinnsal entgegen. Ein Wasserrohrbruch?

Er stieg weiter. Das Rinnsal wurde breiter, die Fließgeschwindigkeit höher.

Das Wasser kam aus Willis Wohnung. Er klingelte. Nichts geschah. Er legte ein Ohr auf die Tür, hörte Planschen, Gluckern. Nach dem dritten Klingeln ging die Tür auf.

 

Hinter der Tür schwebte Willi im Taucheranzug, wirbelte orange flimmernden Bodensand auf, brachte Tang, der von einer kleinen Tanne hing, zum Wehen, deutete auf eine brennende Kerze im offenbar wasserdichten Gehäuse und machte eine Kopfbewegung zur Decke, von der ein goldener Seestern hing. Dann paddelte er auf Lavinia zu, streichelte sie, reichte ihr ein Stückchen Banane und lächelte Max durch die Glaswand an.


Tod in Tokio 

Jörg Sappl

 


Dies ist die Geschichte des erfolgreichen Mr. Ozaki aus Tokio. Mr. Ozaki ist für japanische Verhältnisse ungewöhnlich groß und er trägt einen straffen, makellosen schwarzen Anzug. Immer. 365 Tage im Jahr. Ebenso klar und streng ist sein maskenhaftes Gesicht. Ihm wohnt diese Art von bohrendem Blick inne, der wie eine unangenehme Berührung sein Gegenüber trifft. Manchmal fällt ihm eine dunkle Strähne in die Stirn. Dieses Detail reicht, um ihn wie einen furchterregenden Tyrann erscheinen zu lassen. Und tatsächlich ist Mr. Ozaki nicht mit Empathie gesegnet. In seiner Abteilung führt er die jungen Bänker und anderen Angestellten unter strengem Regiment. Seine Jünger nennen ihn einfach „Captain".

Unter den Grünschnäbeln wird gemunkelt, er habe einmal einen anderen Grünschnabel im Aufzug, irgendwo zwischen Erdgeschoss und 47tem Stock gefeuert, weil diesem der nötige Respekt fehlte. Alte Schule.

Sein spartanisches Büro mit Blick auf das Hafenbecken ist so kühl eingerichtet, wie es seinem Charakter entspricht. Nur ein kleines Portrait seiner verstorbenen Frau hängt unauffällig neben dem überdimensionierten Fenster. Eine zierliche Dame in einem hellen gepunkteten Kleid und einem lebensfrohen Lachen. Das Foto wirkt eigentümlich antiquiert, fast als sei es aus dem 19. Jahrhundert. Die Natürlichkeit der Frau steht in scharfem Kontrast zur akkuraten Welt von Mr. Ozaki. Dieses Foto ist der Riss in seiner kalten Fassade. Hier, und nur hier schimmert durch, dass es in Mr. Ozaki noch ein Herz gibt und dass diesem ein Schmerz innewohnt, eine Sehnsucht.

 

Es ist Mittag und noch ist die Welt des Managers in Ordnung. Er speist mit zwei Geschäftspartnern im Izakaya Nomuro. Die drei alten Männer sitzen in dem zur Straße hin offenen Imbiss und reden kaum und bewegen sich beinahe synchron. Winzig kleine, silberne Fische knacken zwischen seinen Zähnen.

 

Der Wind spielt gelangweilt mit den Lampions und treibt den Grilldampf die alte Gasse hinunter, als Mr. Ozaki plötzlich aufblickt.  

Eine Frau in einem weißen Kleid steht in der Mitte der Gasse. Sie steht da wie hingezaubert. Sie steht da und macht nichts. Jetzt blickt sie ihn an. Tick. Eine Sekunde vergeht. Schon wendet sie sich ab und schreitet schnellen Schrittes die Gasse hinab. Mr. Ozaki ist paralysiert und bemerkt diesen Zettel, der ihr beim Gehen aus der winzigen Handtasche fliegt.  

Seltsam berührt von dieser Szene fischt er flink mit seinen Essstäbchen das letzte Reiskorn aus der Schüssel, wie es nur Asiaten können.

 

Als sich Mr. Ozaki und seine Begleiter auf den Rückweg machen, passiert es. Dieser kühle, abgeklärte Mann, dessen Leben aus Aktienkurven, Zahlenreihen und Meetings besteht, wird erfasst vom Irrationalen. Unbemerkt von seinen Begleitern hebt er im Vorbeigehen das kleine Stück Papier auf, das noch immer in einer Straßenritze klemmt. Und besiegelt damit sein Schicksal.

 

Viel später an diesem Tag, als der pazifische Nieselregen den Asphalt verdunkelt hat und sich die Großstadtlichter darin widerspiegeln, hält ein grüngelbes Taxi in der Akayama Road 241.

Akayama Road 241 – mehr stand nicht auf dem Zettel.

Mr. Ozaki sieht sich in diesem ruhigen Viertel um, das kleinstädtisch wirkt und für einen kurzen Augenblick wird er wieder nüchtern. „Was zur Hölle mache ich hier!?" schießt es durch seinen Kopf. Doch das Taxi fährt bereits ab.

An der Adresse wartet auf ihn ein einstöckiges Haus mit alter Holzfassade. Links ein schiefes Schild mit schwacher Beleuchtung, auf dem „Lebensladen" steht. Von innen drücken sich allerlei Pflanzen an die trüben Schaufenster  – ein wahrer Dschungel.

 

Der große Mr. Ozaki wirkt in dem engen Blumenladen mit der niedrigen Decke so überdimensioniert, wie ein Erwachsener in einem Spielplatzhäuschen. Auf Holzbrettern, die wahllos an die Wände genagelt sind, stehen überall kleine, mittlere, große und auch zwei gigantische Bonsaibäume.

 

Es dauert einige Augenblicke, bis er die Verkäuferin entdeckt. Die etwas korpulente Frau steht mit dem Rücken zu ihm, hinter einem wuchtigen, weiß gekachelten Pult. Sie stutzt eines der Miniaturbäumchen.

„Guten Abend" sagt sie und Mr. Ozaki erwidert das gleiche. „Mögen Sie die Kunst des Bonsai?" will die warme Stimme wissen. Er ist erleichtert, dass die Verkäuferin ihm eine so unverfängliche Frage stellt. Denn er weiß nicht, was er hier will, was ihn hierher getrieben hat.

 

„Ja ich liebe das sehr" offenbart er. „Es erinnert mich an meine Kindheit. Mein Vater hatte einen sehr alten Bonsai und als kleiner Junge half ich ihm, ihn zu pflegen und zuzuschneiden."

Die unerwartet alte Frau dreht sich um und lächelt ihn mit ihrer übergroßen Brille an. „Ja ja, das Heranwachsende braucht Grenzen, damit es später Form annimmt."

Möchten sie denn einen kaufen?"

 

„Nein, ich sehe mich nur mal um, weil.. heute Mittag war da... ach, vergessen sie's."

Er wirkt orientierungslos. Die Alte kommt hinter ihrem Pult hervorgewackelt und führt ihn zu einem Durchgang. „Kommen Sie, ich zeige ihnen mal den ganzen Laden. Wir haben nicht nur Pflanzen und Bonsai."

Sie führt ihn in einen weiteren Raum, der deutlich größer zu sein scheint und noch mystischer ist.  Gelbrötliches Licht erhellt mühsam die engen Regalgänge und feine Nasen würden den süßlichen Duft von Räucherstäbchen wahrnehmen. Ein ganzes Universum verschiedenster Dinge und Gerätschaften, die wild zusammengewürfelt sind, tut sich auf.  

 

„Alles was man zum Leben braucht", sagt die warme Stimme mit einem geheimnisvollen Lächeln. „Schauen Sie sich in Ruhe um, ich bin nebenan." Sie zieht sich zurück und Mr. Ozaki wandert bedächtig die Regale ab, wie in einem Museum.

 

Alles reiht sich nahtlos aneinander: Haushaltswaren, Werkzeuge, Kopfhörer, alte Schallplatten.

Sein Blick fällt auf das vorderste Cover. Deep Purple! Die liefen damals auf einem Sommerfest, wo er Kyoko, seine Frau kennenlernte. Das weiß er heute noch. Er muss unwillkürlich lächeln.

 

Wenige Schritte weiter bleibt er stehen. An einer Wand lehnen ein Dutzend Angelruten. So eine hatte er seinem kleinen Sohn Kenji geschenkt. Damals wohnten sie alle in einem winzigen Appartement in Chiba. Sonntags ist er dann bei schönem Wetter mit seinem Sohn zum Fischen auf den Okanaku See hinausgefahren. So wie es schon sein Vater mit ihm gemacht hatte.

Oft holte sein Sprössling die Leine so ungeschickt ein, dass der Fang in letzter Sekunde wieder verloren ging. Aber zuhause wartete Kyoko schon mit Reis und Hühnchen zur Stärkung. Sie waren eine glückliche Familie - es war die Zeit der Liebe.

 

Das Regal-Labyrinth treibt ihn immer tiefer hinein und weitere Erinnerungen werden wach.

 

In einer Art Küchenabteilung hängen allerlei Töpfe und andere Utensilien, wie sie auch in Hotelküchen verwendet werden. Sein Hals wird eng.

Denn Kyoko war Köchin in einem Familienhotel. Eines Tages wurde das Hotel an einen großen Investor verkauft und seitdem ging es nur bergab. Die Löhne sanken und die Angestellten wurden brutal ausgebeutet. Nach wenigen Wochen waren 15-Stunden-Tage bittere Normalität geworden, so dass Kyoko immer völlig erschöpft nach Hause kam. Selbst an den Wochenenden arbeitete sie. Irgendwann wurde der Druck zu groß. Eines Abends, als sie gerade ein Buffet zubereitete und fast zwei Tage nicht geschlafen hatte, kapitulierte ihr zierliches Herz und sie sank mit einem Infarkt in der Küche zusammen. Karoshi – der Tod durch Überarbeitung – zerstörte nicht nur die Unglückliche, sondern auch das Band zwischen Vater und Sohn.

 

Tränen kündigen sich an, doch der Laden bohrt gnadenlos weiter in Mr. Ozakis Vergangenheit.

 

Blaue Krawatten, die leblos an einem Bügel hängen, rufen in ihm die Zeit nach Kyokos Tod wach. Denn damals zog er in die Stadt und flüchtete sich ganz in seine Karriere. Sein Sohn Kenji studierte im benachbarten Yokohama. Sie stritten sich oft. Als Kenji einmal unerwartet in seinem Büro stand und um etwas Geld bat, hat er ihn forsch weggeschickt.

Es war das letzte Mal, dass er ihn sah. 11 Jahre ist das her. Das Grauen packt ihn.

 

Die Sehnsucht nach seinem Sohn hatte er in Arbeit ertränkt und ihn dabei fast vergessen. Seine ganze Karriere erscheint mit einem Male wertlos. Wie konnte er nur seinen Sohn vergessen! Kenji ist alles, was er hat. Ob er schon Ingenieur ist?  Er weiß nicht mal was aus ihm geworden ist. „Ich muss hier raus." Mr. Ozaki dreht sich um und will zügig zum Ausgang, als er auf einmal vor einem großen Spiegel steht. Er blickt in ein altes Gesicht.

Der Riss in seiner Fassade ist riesig geworden und jetzt fällt alles von ihm ab. Sein ganzes Leben steht plötzlich vor ihm und die eisige Leere all der Jahre offenbart sich in ihrem ganzen Ausmaß.

 

Nun hält ihn nichts mehr. Während er zum Vorraum mit den Bonsai stürmt, scheint sich das Regallabyrinth wie eine Krake nach seiner Seele auszustrecken. „Haben Sie was gefunden?" fragt die überraschte Verkäuferin. Doch Mr. Ozaki hastet wortlos nach draußen.

 

Noch in der gleichen Nacht beginnt er mit der Suche nach seinem Sohn. Der Getriebene geht einer alten Adresse nach, fragt bei Nachbarn, Behörden, der Universität, zeigt Kenjis Foto Passanten und irrt tagelang durch die Stadt. Sein Büro vermisst ihn bereits. Endlich gibt ihm ein Taxifahrer zufällig den entscheidenden Hinweis.

Er soll in einem der typischen Wohntürme im Norden der Stadt wohnen. Dort angekommen wirft eine gewaltige Betonburg ihren letzten Schatten auf Mr. Ozaki bevor es Nacht wird. Langsam betritt er das Monstrum und im kalten Inneren öffnet sich ein ewiger Flur, in dem sich anonyme Appartementtüren scheinbar endlos aneinanderreihen. Eine Neonröhre flackert. Den Namen findet er nicht. „Wie soll ich jemals – " Er hat den Gedanken noch nicht zu Ende gedacht, als ein heller Ton erklingt und sich hinter ihm eine Aufzugtür öffnet. Heraus kommt Kenji.

 

Ein enges, schwarzes T-Shirt betont die athletische Figur des jungen Mannes. Seinen Hals ziert eine grobe silberne Kette. Mr. Ozakis Lippen beben: „Kenji, mein Junge. Erkennst du mich?"

Sein Sohn hält inne und starrt ihn regungslos an. Die Zeit steht still.

„Wie hast du mich gefunden? Was willst du hier?" fragt er mit gefasster Stimme.

„Mein Junge, es tut mir alles so leid!"

Kenji zeigt auf eine Tür: „Hier vorne ist mein Appartement." sagt er und führt seinen Vater in eine kleine Wohnung.

Sie setzen sich an einen dunklen Holztisch. Eine Klimaanlage füllt den Raum mit einem leisen Rauschen und von der Straße wirft eine Reklamewand blaue Lichtstreifen an die Decke.

 

„Hier wohnst du also. Hast du keine Frau?" will sein Vater wissen.

„Nein."

„Was hast du nach deinem Studium gemacht?"

„Ich habe nie studiert."

„Was? Aber..."  

„Warum kommst du jetzt? Was willst du?" unterbricht ihn Kenji.

„Du bist alles was ich habe. Ich will, dass wir wieder Vater und Sohn sind."

Zum ersten Mal seit vielen Jahren lächelt Mr. Ozaki ehrlich und voller Herzlichkeit.

 

Sein Sohn sieht ihn an und schweigt. Als Mr. Ozaki merkt, dass sein Sohn keineswegs emotional berührt zu sein scheint, steigt langsam eine schreckliche Ernüchterung in ihm auf.

Mr. Ozaki sieht sich genauer um. Die Jalousien sind halb heruntergelassen. Am Schloss der Wohnungstür baumelt eine starke Kette und außer dem Tisch gibt es fast keine Möbel. Die Wohnung wirkt leer und unpersönlich. Nur auf einer Ablage entdeckt er schwarze Lederhandschuhe, ein dünnes Seil, kleine Werkzeuge.

 

Mr. Ozaki legt den Kopf etwas zur Seite und flüstert: „Kenji, was arbeitest du?"

Sein Sohn - schweigt. Nur das Trommeln dicker Regentropfen mischt sich jetzt mit dem Rauschen der Klimaanlage.

 

Dann sieht er es. Sein Blick friert fest. Sie lag die ganze Zeit vor ihm auf dem Tisch. Eine schwarze Halbautomatik-Pistole mit langem Schalldämpfer. Langsam streckt Kenji seine Hand aus und zieht die Waffe auf seine Seite des Tisches. Kalte Augen treffen Mr. Ozaki.

 

„Wozu brauchst du die? Erpressen dich die Yakuza?" Ein leichtes Zittern seiner Stimme kann er nicht verbergen.

„Nein, mit den Yakuza habe ich nichts zu tun. Ich arbeite alleine. Und ich bleibe auch alleine, verstanden!"

„Arbeit?" wiederholt sein Vater abwesend. „Du meinst, wie ein Killer? Mein Gott, Kenji! Ich hole dich hier raus. Ich habe Geld, komm mit mir."

„Ich habe keine Geldprobleme." erwidert sein Sohn trocken.

 

„Aber wir haben nur uns!" ruft der Alte fast verzweifelt.

 

„So ist es, Vater. Mutter ist tot. Und ich räche sie. Sie hat so hart gearbeitet und diese Büro-Lackaffen, mit ihren schicken Anzügen, haben sie zerstört. DAS sind die Killer. Und du – bist einer von ihnen."

Mr. Ozaki schweigt entsetzt. Sein Herz rast.

 

„Ja, da staunst du was!" Kenji beugt sich gefährlich nach vorne. Die Waffe lauert nur wenige Zentimeter neben seiner Hand. Leise zischt er: „Es sind so Lackaffen wie du, die meine Klienten sind. 80.000 kriege ich für einen. Aber bei manchen würd ich's auch umsonst tun. Klack klack, ich muss nur abdrücken."

 

Mr. Ozaki sitzt da und starrt ins Leere. Seine Maske ist weg; er ist ganz Mensch geworden und spricht jetzt mit ruhiger Stimme: „Weißt du noch mein Junge, wie wir Sonntags immer mit dem Holzboot zum Fischen auf den Okanaku See gefahren sind? Du standest mit der Angel am Heck. Ich war der Captain und du der Fischer. Wir waren so stolz. Weißt du noch?"

 

„Ja, ich weiß es noch. Du warst der Captain. Jetzt bin ich es."

 

Draußen donnert ein Zug der Ginza Linie vorbei und erhellt blitzartig das Zimmer. Das Flackern lässt den Killer wie einen Geist erscheinen und die Metallwaggons rumpeln so laut, dass man nicht mal einen Schuss hören würde.



Sylvester und Francine

von Fiona Freidank

 


Sylvester weiß noch genau, wie verletzt er bei ihrem knappen ›Bis bald‹ war. Er spürt an manchen Tagen noch immer dieses kalte Gefühl, das ihn bei ihrem letzten flüchtigen Blick wie ein eisiger Wind durchströmt hat.

Daran erinnert er sich auch an diesem Morgen. 

Es ist dunkel, doch schon in wenigen Minuten wird die Sonne aufgehen. Er steht nie so früh auf, nicht einmal, um zur Arbeit zu fahren. Heute ist es anders. Heute steht er an einem anderen Gleis, an einem anderen Ort. Früher nannte er diese Kleinstadt sein Zuhause. Und nun möchte er nur weg, zurück in sein anderes, neues Leben, in dem er sich wenigstens ein bisschen besser fühlt.

 

Gestern überkam ihn mal wieder dieser Drang, zurückzukehren in seine Heimat. Er versuchte stattdessen an all das zu denken, was er noch zu erledigen hatte. Zwanghaft schrieb er Einkaufslisten, wusch seine längst saubere Kleidung, kochte Essen, nur um es dann gleich einzufrieren, weil er eigentlich überhaupt keinen Hunger hatte. Er tat alles, was ihn wenigstens für ein paar Minuten auf andere Gedanken bringen konnte. Er setzte sich auf sein blasses, grünes Sofa und gab sich alle Mühe, einen neuen Song zu schreiben. Ein Lied, das so leer von Gefühlen war, dass es von einem Roboter hätte stammen können. 

Was war nur aus ihm geworden? Damals war er noch einer dieser aufgedrehten Menschen gewesen, die ständig auf der Suche nach etwas sind, woran sie sich festhalten können. Und wenn es bloß ein Stift ist oder die verfluchte Brille, die auch immer und überall den toten Winkel findet. Aber jetzt, ja jetzt wirkte er fast ausdruckslos. Irgendwie verloren. Als wäre er in ein dunkles Loch gefallen und könnte den Weg hinaus einfach nicht finden.

 

Frustriert knüllte er das beschriebene Blatt Papier zusammen, startete einen neuen Versuch. Schon bald gab er es wieder auf. 

Einmal im Monat ließ er es zu, dass seine ›echten‹ Gedanken die Mauer in seinem Kopf überrollten. Es war erst knapp eine Woche seit dem letzten Mal vergangen, aber er realisierte, dass es sinnlos war, so weiter zu machen. Weiter vor sich hinzuschuften, obwohl doch gar nichts zu schuften da war. Also legte er seine allererste CD ein - er besaß sie schon seit über zehn Jahren - und drückte auf Start. Die scheinbar standhafte Barrikade in seinem Inneren, die seine Vergangenheit von seinem jetzigen Leben trennte, war binnen Sekunden in Luft aufgelöst. Er schloss die Augen - und da traf ihn wieder diese Welle, dieser Tsunami all dessen, was er jeden Tag krampfhaft zu vergessen versuchte. 

Und nach einigen Stunden des Nachdenkens und Überlegens entschloss er sich dazu, in den Zug zu steigen. Endlich dorthin zu fahren, wo sich all seine verbotenen Gedanken und Gefühle sammelten. Er wollte zurück, in seine Heimat, sein früheres Zuhause. Ein endgültig letztes Mal wollte er seine Jugend Revue passieren lassen, in seine Vergangenheit abtauchen, diesmal aus anderen Augen betrachtend. Aus erwachsenen Augen, redete er sich ein. Er wollte damit abschließen. 

 

Doch dann, gestern Nachmittag, als er mit seinem dunklen Hut und der eintönigen Krawatte um den Hals durch die langweiligen Kleinstadtstraßen schlenderte, da wurde ihm eines klar: Plötzlich war ihm bewusst, dass er noch immer der kleine Junge war, der sich vor Jahren in dichten Baumkronen vor seinen Hausaufgaben gedrückt hatte. Nur dass es mittlerweile keine Schulaufgaben mehr waren, vor denen er sich versteckte. 

Er dachte an all die Stunden, die er mit ihr verbracht hatte, vor dem CD-Player sitzend, im Gras liegend, ganz egal, wo.

 

Tja, und nun steht er hier, kickt einen Kieselstein in die Gleise und blickt zu der altbekannten Bahnhofsuhr hinauf, nur, um zum hundertsten Mal festzustellen, dass sich die Zeiger nicht mehr bewegen. Er starrt die schwarzen Ziffern an und weiß, dass auch seine Zeit stehengeblieben ist. Nicht um 2 Uhr 30, nein. Schon vor vier Jahren haben seine inneren Zeiger aufgehört, weiterzuwandern. Das stetige Ticken in ihm ist verstummt.

Vor vier Jahren… Er möchte all das bloß vergessen, jetzt, sofort! Aber natürlich funktionieren solche Dinge nicht auf diese Weise.

 

Schon vor einiger Zeit hatte er beschlossen, sein Leben umzukrempeln. Er hatte versucht, sich auf die Uni zu konzentrieren, darauf, eine neue Welt um sich herumzubauen, eine Welt, die ihm gefiel. Und irgendwie hatte er es sogar geschafft. Jedenfalls dachte er das immer. Er war fest davon überzeugt, dass er alles in den Griff bekommen hatte. 

Aber plötzlich entdeckte er diesen eingestaubten, kleinen Karton, den er bestimmt seit drei Jahren nicht gesehen hatte. Und als er den Deckel öffnete und all die Erinnerungen darin frei ließ, war auf einen Schlag alles wieder zurück. Vor allem war Francine wieder zurück. Francine, die immer seine beste Freundin gewesen war. Francine, in die er sich verliebt hatte. Francine, das Mädchen, vor dem er plötzlich lauter Geheimnisse gehabt hatte, weil er ihre Freundschaft nicht hatte zerstören wollen.

 

»Francie? Wo bist du, verdammt?«

»Mum, beruhige dich. Ich musste nur… ein bisschen an die frische Luft«, erwidert sie und klemmt sich ihr Handy zwischen Ohr und Schulter, um ihre Jacke öffnen zu können. Sie war schon aus der Tür gestürmt, als ihr auffiel, wie warm es trotz der frühen Stunde bereits war. 

»Es ist mitten in der Nacht!« Francine hat das rot angelaufene Gesicht ihrer Mutter klar vor Augen.

»Fünf Uhr morgens ist doch nicht mitten in der Nacht«, entgegnet sie seufzend. »Hör zu, ich muss wirklich auflegen, mein Akku ist gleich leer.« Und schon hat sie auf den roten Knopf gedrückt und der Signalton des beendeten Anrufs durchbricht die Stille um sie herum. 

 

Manchmal würde sie am liebsten von Zuhause weglaufen und nie wiederkommen. Alles hinter sich lassen und ein neues Leben beginnen. Hier ist es so… bedrückend und langweilig. Dieses einengende Gefühl scheint sie Tag für Tag wie ein hartnäckiger Straßenverkäufer zu verfolgen. 

Aber irgendetwas hält sie an diesem Ort. Und wenn sie ehrlich ist, dann weiß sie auch ganz genau, was sie zurückhält. Oder eher gesagt, wer der Anker ist, den sie nicht loswerden kann. Nicht loswerden will.

Seit heute Nacht spukt er wieder und wieder in ihrem Kopf herum. Nicht der Straßenverkäufer natürlich, sondern Sylvester. Weshalb muss sie auch andauernd Alpträume wegen ihm bekommen? Das ist doch nicht fair. Ihm geht es bestimmt blendend. Sicher hat er eine bezaubernde Freundin, die er bald heiraten will. Schließlich hatten sich Sylvester und Francine zuletzt vor vier Jahren gesehen, und seitdem konnte viel passiert sein. 

Oft fragt sie sich, warum sie sich ausgerechnet in ihn verlieben musste, in ihren besten Freund. Und warum sie nicht einfach von ihm loskommen kann. Wieso fällt ihr das so schwer? Wo sie doch nie ein Paar waren.

 

Das Schlimmste war diese unangenehme Stille zwischen ihnen. Damals hatten sie sich alles - wirklich jedes kleinste Detail - erzählt, auch wenn es noch so unwichtig gewesen war. Zusammen hatten sie sich ins Gras gelegt und in den Himmel gestarrt und geredet, bis es dunkel wurde.

Er war der einzige Mensch gewesen, mit dem die eigene Fantasiewelt echter als die Realität gewirkt hatte. Nur mit ihm hatte sich gemeinsam träumen wie gemeinsam erleben angefühlt. 

Als sie sich auseinanderlebten, kam ihr diese Fähigkeit irgendwie abhanden. Und dadurch lernte sie, wie sich Verlust anfühlte.

Francine hatte immer gedacht, nichts könnte sie von Sylvester trennen. Sie hatte gedacht, sie würden zusammen sein, wenn in seinen goldenen Haaren irgendwann silberne Strähnen glänzen. Doch stattdessen tanzte nun jeden Tag diese Erinnerung in ihrem Kopf. Von dem blonden Haarschopf, der sich in der Mensa plötzlich zu den Leuten gesetzt hatte, die sie früher nicht beachtet hatten. Der sie dem Anschein nach vergessen hatte und nicht beabsichtigte, sich je wieder an sie zu erinnern.

 

Und dann beschloss er, umzuziehen. Erst hatte sie überhaupt nichts von seinen Plänen mitbekommen. Eines nachmittags dann klingelte er unerwartet bei ihr und fragte, ob sie ihn noch mit zum Bahnhof begleiten wolle. Natürlich stimmte sie zu, auch wenn sich in ihrem Inneren alles dagegen sträubte, sich von ihm verabschieden zu müssen.

Danach war lange Zeit dieses Bild in ihrem Kopf, wie er in den Zug stieg und ihr einen letzten, traurigen Blick zuwarf. Es schien so, als hätte er etwas Wichtiges vergessen und würde es in diesem Augenblick bereuen. Dieser Moment brannte sich in ihr Gedächtnis ein und schenkte ihr für einige Monate Hoffnung. Sie lebte jeden Tag in der Erwartung, ihn plötzlich wieder vor sich zu sehen, ihm endlich alles gestehen zu können. Aber er war natürlich nicht zurückgekommen. Umsonst hatte sie auf ihn gewartet - und das wurde ihr schließlich klar. 

Doch statt etwas Neues zu beginnen, brachte sie die Jahre einfach hinter sich, wie eine Last, die sie nicht loswurde. Wie einen Stapel Papierkram, den sie abarbeiten musste, es aber nicht konnte.

 

Ein Auto rast an ihr vorbei und reißt sie aus ihren Gedanken. Mit klopfendem Herzen überquert sie die Straße und öffnet schließlich die schwere Tür der Bahnhofshalle. Jahrelang hat sie diesen Ort gemieden, und jetzt fragt sie sich, weshalb sie ausgerechnet an diesem Tag unbedingt den Schritt machen will, vor dem sie sich seit Ewigkeiten fürchtet. 

Ihr ist schwindlig, also bleibt sie einen Augenblick stehen und betrachtet ihre Schuhe. Ein Kieselstein liegt vor ihrem Fuß und sie kickt ihn weg. Mit vorsichtigen Schritten geht sie auf Gleis A zu. Hier hat sie ihn zum letzten Mal gesehen. Ein kalter Schauer läuft ihr über den Rücken und benebelt sie, als ihr wieder sein Blick in den Sinn kommt. Es ist, als würde sie nicht mehr atmen können, obwohl sie spürt, wie sich ihre Lungen bei jedem Schritt mit Luft füllen.

 

Gerade fährt ein Zug ein und versperrt ihr die Sicht auf Gleis B. Es ist ziemlich voll, obwohl es erst kurz nach fünf ist. Und das an einem Samstagmorgen. 

Als sie bei dem letzten weißen Streifen vor den Gleisen angelangt ist, bleibt sie stehen und blickt zu der großen Bahnhofsuhr hinauf. Sie bemerkt, dass sich die Zeiger nicht bewegen und fragt sich, ob sie wohl auch  aufgehört hat zu funktionieren. Nicht erst um 2 Uhr 30, sondern schon vor Jahren.

Der Zug fährt erneut los und verlässt den Bahnhof. Ein bedrückendes Gefühl macht sich in Francine breit, als ihr Blick an den nun sichtbaren Schienen hängen bleibt. Ungläubig schüttelt sie über sich selbst den Kopf und schluckt. 

Erneut hebt sie den Kopf und lässt ihre Augen schließlich hinüber zu Gleis B wandern. Und als sie dort dieses vertraute Gesicht erblickt, ist sie sich erst nicht sicher, ob sie sich in ihrer Fantasiewelt oder in der Realität befindet. Die Welt um sie herum bleibt stehen, nur ihr Herz hämmert in stetigem Takt weiter. Sie fragt sich, ob sie wohl träumt und ob sie sich nicht wünschen solle, aufzuwachen. Doch dann erinnert sie sich an früher, an all die Male, als sich ihre Träume und Gedankenwelt wie das echte Leben angefühlt haben und sie erinnert sich auch daran, dass es nur eine Person geschafft hat, sie so fühlen zu lassen. 

Als könnte sie es von seinem Gesicht ablesen, weiß sie, dass er eigentlich gerade in den Zug steigen wollte und es absichtlich nicht getan hat. Sie erkennt, dass er nicht länger bereuen will. Sein entschlossener Blick bewegt etwas in ihr. Und nach einigen Augenblicken ist ihr klar, dass sie endlich wieder funktioniert.

 

Sylvester sieht sie an und im selben Moment vergisst er ihr kurzes ›Bis bald‹ von damals. Der Schmerz, von dem er immer dachte, er würde ihn nie loswerden, ist plötzlich verschwunden. Und bei ihrem hoffnungsvollen, stummen ›Hallo‹ wird ihm bewusst, dass seine inneren Zeiger wieder ticken.