Romandebüt

"Schreibe jeden Satz so, dass man neugierig auf den nächsten wird." Das hat der amerikanische Schriftsteller William Faulkner gesagt. Dieses Credo gilt auch für die Debütromane, die wir euch in unserer Schmökerecke vorstellen. 



 

Die Kunst, einen Dinosaurier zu falten

von Kristina Pfister

  


Teil 1

KING LOUIE

 

Ihr Zimmer lag meinem gegenüber, Block G und Block H, zwei Gebäude mit identischer Raumaufteilung. Dasselbe Mobiliar, ein Einbauschrank, ein Bett aus heller Birke, ein Schreibtisch mit Glasauflage, eine Kochnische mit zwei Herdplatten, eine große und eine kleine.

Einzelapartments. Ich war immer allein, sie nie.

Über ihrem Bett hingen Poster und jeden Abend saßen drei bis vier Leute auf ihrem Fußboden, hielten Teller auf den Knien und tranken Bier aus Flaschen. Wenn ich das Fenster öffnete, wehte Musik zu mir herüber. Sie hörte, was ich hörte, nur dreimal so laut.

Dazu das Lachen der Freunde und das Klirren von Geschirr, auch heute.

Ich stand am Fenster im Dunkeln und blickte hinüber.

Mir war zum Heulen.

Ich rief meine Mutter an. Sie sagte: »Es sind doch nur drei Monate.«

Es waren drei Monate hier, dann drei dort, dann drei woanders, vierzig

Wochenstunden und vierhundert Euro, während meine ehemaligen Kommilitonen Fotos von neuen Freunden, die sie auf Auslandssemestern kennengelernt hatten, von ihren neuen Errungenschaften, die sie sich von ihrem ersten Gehalt gekauft hatten, Bilder von Reisen und Partys zum Studienabschluss ins Internet stellten. Soundso lebte jetzt in New York und XY war verlobt.

Das Leben der anderen war immer toll, immer bunt, immer laut.

Ich wohnte in Wohnblöcken am Rande der Stadt und war ständig erkältet. Das Wetter war schlecht, das ganze Jahr schon war das Wetter schlecht gewesen.

Ich bekam eine Praktikumsbescheinigung nach der anderen, auf der stand, dass ich gute Arbeit geleistet hatte, allgemeine Unterstützung des Bürobetriebs, 

Bearbeiten von Datenbanken, Redigieren und Verfassen von Pressetexten, Brezeln für die Teeküche besorgen.

Irgendwann hatte ich aufgehört, die anderen anzurufen, E-Mails zu schreiben,

Nachrichten zu hinterlassen, und meldete mich nur noch bei meiner Mutter.

»Hallo, Spatz, wie geht’s dir?«, sagte sie jedes Mal und ich antwortete: »Gut«, aber meine Stimme war schwach und leise, und sie musste merken, dass ich log.

Jetzt saß ich da, die Stirn an die Fensterscheibe gelehnt, und erzählte von meiner Arbeit und dass mein Kollege wieder zweideutige Bemerkungen gemacht hatte. 

Ich sagte meiner Mutter nicht, dass ich kaum noch schlief, sondern die Nächte damit verbrachte, Sitcoms zu schauen, fröhliche Menschen, die mit ihren 

Freunden in einer Bar saßen und Bier tranken, Staffel 1 bis 9 auf illegalen 

Websites, ein flimmernder Bildschirm und rote Augen und Werbung für Sexseiten, die ich wegdrücken musste, um die Serien sehen zu können.

Du willst ficken? Schlafe mit zehn willigen Frauen täglich!

Wenn man auf eines der Mädchen klickte, erschienen weitere, gespreizte Beine. Was dazwischen war, sah unnatürlich aus, rot und fleischig, als könnte man es braten und essen. Männer spritzten ab auf verdrehte Augen und geöffnete Münder.

Früher hatte ich gedacht, miteinander zu schlafen bedeute, sich zu lieben.

Ich klickte das Kreuzchen, während meine Mutter sagte: »Das klang doch 

anfangs so klasse dort ...«

Die barbusigen Mädchen, die breitbeinig dasaßen, zwei Finger in ihren rosa Höschen, und mich mit Schmollmund anblickten, verschwanden und ich 

sagte: »Es ist ja bald vorbei. Wie geht’s dir?«

Meine Mutter hatte genauso wenig zu erzählen wie ich. Sie hatte Ausschlag von ihrer selbstgerührten Creme bekommen, eine Kollegin war gemein gewesen,

die neuen Schuhe drückten an der Ferse und Rupert hatte ein neues Video, in dem er Fragen beantwortete. Sie würde mir den Link schicken.

Ich hob den Blick und sah hinüber zum Fenster, ein hell erleuchtetes Rechteck in 

diesen Bauklötzen aus Beton, meinem genau gegenüber, wie ein buntes Spiegelbild, dieselben Möbel, dieselbe Anordnung.

Ihr Leben sah genauso aus, wie ich mir meines ausmalte, nachts, wenn ich nicht schlafen konnte und Ted und seine Freunde auf dem Bildschirm Bier tranken und Witze rissen und fröhlich waren und laut und bunt und zusammen.

Mein Leben war schwarz-weiß.

Wie immer fragte meine Mutter zum Abschluss: »Isst du auch genug?«


Teil 2

»Ja«, sagte ich.

»Mach dir was Warmes«, sagte meine Mutter.

Ich sagte: »Hm-hm«, verabschiedete mich, legte auf und drückte wieder auf »Play«.

Ich stellte mir vor, was sie erkennen würde, wenn sie aus dem Fenster sah: ein blau flackerndes Rechteck, eine schemenhafte Gestalt vor einem Laptop, die ab und zu den Kopf hob, um hinüberzublicken.

Sie würde sich wegdrehen, wieder ihren Freunden zuwenden, neues Bier ausgeben oder Pizza in kleine Dreiecke zerschneiden, um sie zu verteilen.

In meinen Gedanken war sie eine Mischung aus Holly Golightly und Edie Sedgwick, ein It-Girl der alten Schule, sexy und ein bisschen verrucht und bestimmt auf schicke Art und Weise drogenabhängig und promiskuitiv.

Manchmal stand sie am Fenster und rauchte, und dann konnte ich die Musik hören, die aus ihrem Zimmer kam, aber meistens drehte sie sich gleich wieder um, lachte jemandem zu, der einen Witz gemacht hatte, und küsste einen ihrer Verehrer oder spielte Trinkspiele mit ihren Kumpels, die auf dem Bett saßen.

Sie trug Leggins oder Hotpants und weite Pullis oder gestreifte T-Shirts. Ihr Haar war kurz, auf einer Seite kürzer als auf der anderen. Abrasiert. Sie hatte lange, goldene Ohrringe, die bis auf Höhe ihres Kinns herabhingen. Ihre Augen waren schwarz umrandet, und sie trank aus hohen Gläsern mit grünen Strohhalmen.

 

Ich betrachtete sie, als wäre sie die Hauptfigur in einem Film, in dem ich nur eine Statistenrolle ergattert hatte.

Die Folge der Sitcom, die ich lautlos hatte laufen lassen, war zu Ende, und ich klickte die nächste an, eine weitere Werbung für willige Frauen in meiner Nähe. Ich hatte seit zwei Jahren nicht mehr mit jemandem geschlafen und starrte einen Moment lang auf ein Mädchen, das mit halbgeöffnetem Mund an seinem Daumen saugte, dann musste ich an Freddie denken, der mir zugesehen hatte, wie ich an seinen Fingern lutschte, und der eine Freundin hatte, die noch immer nichts von mir wusste.

 

Ich schloss die Seite und hob den Blick aus dem Fenster. Es war erst kurz nach zehn, und das Mädchen von gegenüber stand am Fenster und rauchte. Sie trug ein viel zu großes T-Shirt, das aussah, als gehörte es dem Typen, der gerade die Wohnung verließ. Sie winkte ihm mit ihrer Zigarette, als er an ihr vorbeikam, und er warf ihr eine Kusshand zu, die sie ignorierte.

Dann schmiss sie die Zigarette auf die Straße, fuhr sich mit der Hand durch die Haare und verschwand im hinteren Teil des Apartments.

Ich sah wieder Ted und seinen Freunden zu, die fröhlich um einen Tisch in einer Bar saßen und ihr Leben besprachen.

Einen Augenblick nickte ich ein. Dann klingelte es an der Tür. Ich schaute auf die Uhr. 22 Uhr 47.

Ich stand auf und öffnete.

Das Mädchen grinste mich an. Sie war kleiner, als ich gedacht hatte, und sah aus, als würde sie ihre spitzen, kurzen Eckzähne fletschen.

Wenn ich lachte, hatte ich ein Puppengesicht, das jemand in ein rosa duftendes Stück Seife geschnitzt hatte.

»Hi«, sagte sie, »ich bin Marie-Louise. Ich wohne gegenüber. Du siehst aus, als könntest du ein Geschirrset gebrauchen.«

Es war keine Frage, es war eine Feststellung. Während sie sprach, hatte sie einen Karton in die Höhe gehievt, der neben ihren Füßen gestanden hatte, und hielt ihn mir jetzt unter die Nase. Sie trug Ballerinas, einen Plissee-Rock, ein weißes Shirt, und auf ihrer Brust prangte das zerschundene Gesicht von Tyler Durden.

 

Ich schaute kurz auf meine selbstgestrickten Wollsocken, in die meine ausgebeulte Jogginghose gesteckt war.

Ich starrte sie an.

Sie sah nicht aus wie eine Marie-Louise. Unter Marie-Louise stellte ich mir blonde Dutts und gefütterte Steppjacken vor, lange Beine und ein weißes Tennis-Lächeln. Es war ein Name, der nach Geld klang.

Sie ließ den Karton sinken und fuhr mit der Zunge über einen ihrer spitzen Eckzähne.

 

»Hat dir deine Mama verboten, mit Fremden zu sprechen?«, fragte sie. 


Teil 3

Ihre Stimme war dunkel und rau, als wäre sie seit ihrem zehnten Lebensjahr Kettenraucherin. Wahrscheinlich war es so.

Ich schüttelte den Kopf. Ihr Haar roch nach Vanille. Vielleicht war es auch ihre Kleidung oder ihre Haut.

»Eigentlich brauche ich kein Geschirrset«, sagte ich.

»Oh«, sagte sie. »Es sind schöne Tassen. Mit Blumen drauf. Schau.«

Sie holte eine winzige, runde Tasse ohne Henkel hervor, die mit blauen Vergissmeinnicht bemalt war.

Ich sagte nichts.

»Ich sehe dich immer«, sagte Marie-Louise und nickte mit dem Kopf zum Fenster, »du hast nur eine Tasse. Du nimmst immer dieselbe.«

»Ja«, sagte ich, »ich bin hier nicht lange. Ich ziehe bald wieder aus.«

»Ach so«, sagte sie, »ich auch. Morgen. Ich lasse sie dir da. Wenn du magst, komm später vorbei, ich mache eine kleine Abschiedsfeier. Es gibt Bier und Wodka.«

Sie lächelte, stellte die Box vor meiner Tür ab und salutierte mit zwei Fingern an ihrer Schläfe.

Dann war sie weg.

Ich stand auf der Schwelle und sah auf den Karton und die kleinen, blaubemalten Tässchen darin. Ich schob ihn ins Zimmer, schloss die Tür, setzte mich vor meinen Laptop.

Du willst vögeln?, fragte mich der Bildschirm. So kannst du jeden Tag eine andere Frau nageln (wenn dein Schwanz es aushält)! Mit Freddie hatte ich nur sieben Mal geschlafen und drei Mal davon in derselben Nacht.

Ich klickte auf das Kreuzchen, schaltete den Computer aus und ging duschen.

In der winzigen Duschkabine stieß ich mir die Ellenbogen an der Wand an. Dann stand ich minutenlang unter dem heißen Strahl, lauschte dem Rauschen in meinen Ohren und sah dem Wasser zu, wie es an meinem Körper hinabfloss und im Ausguss verschwand. Wenn ich mich am Rücken kratzte, konnte ich danach eine weiße, cremige Schicht unter meinen Fingernägeln hervorpulen. Aufgeweichte Hautschuppen. Ich schabte, bis mein ganzer Körper voller roter Striemen war, als könnte ich unter der alten Haut eine neue, reine, strahlende zum Vorschein bringen. Aber je mehr ich mich anstrengte, desto mehr schien sich zu lösen, und ich hatte das Gefühl, nie fertig zu werden.

Ich trug ein kurzes Kleid und ein Haarband, als ich aus dem Badezimmer kam. Meine Hände zitterten leicht, und meine Zähne klapperten, aber es konnte daran liegen, dass ich das Fenster geöffnet hatte.

Ich ging hinüber, um es zu schließen, hielt den kühlen Griff fest. Draußen tröpfelten kleine, weiße Flocken aus der Dunkelheit herunter auf den Boden. Mehr Regen als Schnee. Drüben war alles still, das Licht brannte, Marie-Louise war nicht zu sehen.

Eine Gruppe von Leuten bog um die Ecke, sie lachten, sie hatten Wein dabei und andere Flaschen. Klare Flüssigkeit, blaues Etikett, Wodka. Ich mochte Wein nicht und von Wodka wurde mir schlecht.

Meine beste Freundin aus der Schule, Tessa, war der Meinung gewesen, dass man sich leicht mit Leuten anfreundet, wenn man sich mit ihnen betrinkt. Sie hatte jedes Mal recht behalten.

Die Männer trugen Stoffbeutel über ihren Mänteln, Turnschuhe und Bärte, die Mädchen enge Hosen, Jeanshemden und die Haare lang und offen. Ich konnte ihr Gelächter bis hier hören.

Ich spürte den Fensterknauf in meinen Händen und lehnte den Kopf zurück. Dann drehte ich mich um und setzte mich wieder aufs Bett.

Mein Zimmer kam mir heiß und stickig vor. Trotz des offenen Fensters war die Luft verbraucht. Ich legte mich in Schuhen und Kleid ins Bett, zog die Vorhänge zu und schaltete den Laptop an, drehte die Lautstärke hoch. Sitcom-Lacher. Von drüben kam ein Gitarrenjaulen, als hätte jemand den Regler zu schnell aufgedreht, dann wurde die Musik leiser. Ich kratzte an meinem Arm, wo sich nichts mehr löste. Dann starrte ich so lange auf den flimmernden Bildschirm, bis mir die Augen zufielen.

Als ich aufwachte, war mein Mund trocken und pelzig. Meine Zunge klebte am Gaumen. Etwas hatte mich geweckt, aber ich konnte nicht sagen, was. Der Computer rauschte dunkel vor sich hin.

Es klingelte. Ich zuckte zusammen und stieß gegen den Laptop. Er sprang an. Es war 1 Uhr 44.

 

Es schellte wieder.


Teil 4

Ich stand auf, mein Kopf tat weh und mir wurde schwindelig, als ich zwei Schritte gegangen war.

»Hallo?«, rief ich gegen die geschlossene Haustür.

»Hallo?«, sagte jemand, ein perfektes Echo meiner Stimme imitierend.

»Wer ist da?«

»Ich.«

Ich holte mir ein Glas Wasser und wartete. Ich sagte nichts. »Ich kann dich atmen hören«, sagte es von der anderen Seite der Tür her.

Ich hörte nichts und war sicher, dass sie log.

»Mach auf«, sagte sie, »ich will meine Blümchentassen zurück.« Ich trank das Wasserglas aus, stellte es ab und öffnete die Tür einen Spaltbreit.

Marie-Louise hatte sich ihre langen, goldenen Fäden an die Ohren gehängt, die im diffusen Licht einer Straßenlaterne glitzerten. Ihre Augen waren noch schwärzer als vorhin.

Sie schob einen Fuß in die Tür und stemmte sich dagegen. »Lass mich rein, ich will meine Tassen zurück«, wiederholte sie. Ich trat zurück. Marie-Louise wankte ins Zimmer, hielt sich an der Spüle fest und fragte: »Wo?«

Ich deutete auf den Karton, der noch immer im Eingangsbereich stand.

»Sprichst du nicht?« Sie lallte, ihre Ts waren weich, ihre Worte zu einem einzelnen verbunden.

Ich zuckte die Schultern.

»Wieso bist du denn so fein?«, fragte sie. »Es ist doch mitten in der Nacht und du verlässt nie die Wohnung.« Sie zupfte an meinem Kleid.

Fein. Das war ein Wort, das Kinder benutzten. Ich schwieg.

»Willst du einen Schnaps mit mir trinken?«, fragte Marie- Louise.

Sie schien ihren Karton schon vergessen zu haben.

»Ich habe Schnaps in meinem Bungalow, und das ist keine Anmache, auch wenn es so klingt!«

Sie hob einen Zeigefinger, dann fing sie an zu lachen und stolperte.

»Außerdem musst du mich heimbringen, weil ich falle nämlich sonst hin.«

Sie hatte meinen Arm genommen und zog mich aus der Wohnung. Ich konnte gerade noch den Schlüssel einstecken.

Ihre Tür stand einen Spalt offen. Sie drückte sie mit einem Fuß ganz auf.

»Come on in«, sagte sie.

 

Das Apartment roch wie meines, nach Staub, nach drei Generationen von Fertigessen, nach schmutziger Kleidung. Dazu der Geruch nach Zigarettenqualm und Gras.

Auf den zwei Herdplatten stand eine Plastikschüssel mit Wasser, in der vielleicht Eiswürfel gewesen waren.

Marie-Louise angelte nach einer Flasche Wodka auf dem Boden und schraubte den Verschluss ab. Sie nahm einen Schluck, schüttelte sich, gab sie an mich weiter.

Es schmeckte nach nichts und brannte, am liebsten hätte ich es sofort wieder ausgespuckt. Ich fühlte einen Würgereiz und zwang mich, zu schlucken. Von Wodka pur wurde mir schlecht.

»Yes, baby«, sagte Marie-Louise und taumelte in ihr Zimmer. Ich folgte ihr.

Rauchschwaden hingen im Raum, der leer geräumt nach Umzug aussah, auf dem Boden lag eine angerissene Packung Plastikbecher. Jemand hatte sein Hemd vergessen, ein rot-schwarz kariertes Stück Stoff neben dem Bett. Auf dem Bett, das genauso klein war wie meines, ein Päckchen Salzstangen. Ich setzte mich und fragte mich, ob es nicht furchtbar unbequem war, in einem 90-Zentimeter-Bett mit jemandem zu schlafen.

 

Mit einem Tritt schlug Marie-Louise die Tür zur Küchenzeile zu. Dahinter wurde ein Poster sichtbar, Kopfsteinpflaster, Fachwerkhäuschen, viele Kirchen.

»Hey, das habe ich auch«, sagte ich.

»Das muss es irgendwo mal billig gegeben haben«, sagte sie. »Da komme ich her«, sagte ich.

»Echt«, sagte sie tonlos, ohne hinzusehen. »Ich auch. Ich meine,

ich bin dort aufgewachsen. Meine Oma wohnt da.« Marie-Louise pellte sich aus ihrem T-Shirt, strampelte den Rock von sich und sagte: »Mein Flug geht morgen ganz früh. Ich werde einfach wach bleiben und morgen beim Start in meine

kleine Papiertüte kotzen. Das wird ein Spaß.«

Sie sagte es mit heiserer, ausdrucksloser Stimme, die klang, als käme sie von irgendwo ganz tief in ihr drin, von einem Ort, den sonst niemand sehen durfte.

»Wohin fliegst du?«, fragte ich.

»London, Baby!«, rief sie und wackelte mit der Hüfte.

Sie trug einen schwarzen Push-up-BH, und ich musste an die schmollmündigen Blondinen auf den Sex-Seiten denken, die sich vornüberbeugten und ihre Brüste nur mit einem Arm bedeckten.

»Und was machst du da?«, fragte ich.

»Ich suche mir einen Job!« Marie-Louise strahlte mich an. Sie war in einen riesigen Kapuzenpulli geschlüpft und nahm sich die langen, goldenen Fäden aus den Ohren.

Für einen Moment stand sie da, die glitzernden Ohrringe in der Hand, und starrte darauf, als hätte sie vergessen, was sie gerade tat. Dann drehte sie sich zu mir um.

 

»Es gibt noch kalten Pudding«, sagte sie, klatschte die Ohrringe mit flacher Hand auf den Schreibtisch und sich dann eine klebrige, braune Masse aus einer Schüssel auf einen Teller.

Während sie aß, schaute sie in den Spiegel, der noch an der Wand hing, und sagte: »Ich werde alt.«

Sie zog an ihren Augenlidern herum.

»Ich meine, Leute, die jünger sind als ich, haben schon Falten. Wenn das passiert, weiß man, dass man alt wird.«

Ich dachte, wenn wir eine Sitcom wären, würden sie jetzt Lacher einblenden, aber alles blieb still. Ich rührte mich nicht.

»Trink noch was.« Sie deutete auf die Wodkaflasche in meiner Hand.

Ich nahm einen weiteren beißenden Schluck.

»Ich hatte mal einen Hamster«, sagte Marie-Louise, »der hat mehr geredet als du.«

Ich zuckte die Schultern.

Wenn sie nicht sprach, glibberte sie mit dem Pudding herum oder ließ beim Essen den Mund offen und den Pudding auf ihre Zungenspitze rutschen. Kurz bevor er wieder auf den Teller platschte, schlürfte sie ihn zurück. Dabei beobachtete sie sich selbst im Spiegel, ein blasses Gesicht, schwarze Augen. Von hinten wirkte sie noch genauso elegant wie von meinem Apartment aus.

 


Teil 5

»Er war langweilig«, sagte Marie-Louise, »ich wollte ihn Fußvolk nennen, aber das ist nur lustig, wenn ein Hund so heißt. Hierher, Fußvolk! Also habe ich ihn Speckberg genannt. Er ist gestorben.«

Sie ließ den Pudding aus ihrem Mund wieder auf ihren Teller fallen und stellte ihn zurück auf den Schreibtisch.

»Alles, was wir machen, ist albern, weil am Ende sterben wir ja doch. Weißt du, wer das gesagt hat?«

Sie stocherte im Pudding herum.

Ich wusste es nicht.

»Ich weiß es auch nicht«, sagte Marie-Louise, dann, laut: »Mein Gedächtnis ist ein Sieb. Rauchst du?«

 

Mit dreizehn hatte ich mit meinen Eltern einen Ausflug nach Berlin gemacht, und wir waren durch die Stadt gelaufen, hatten den Alex besichtigt und den Potsdamer Platz und das Brandenburger Tor und die East Side Gallery. Aber ich konnte mich an nichts so klar erinnern wie an den Besuch in der Charité, wo eingemachte Säuglinge in Gläsern Reihe an Reihe in langen Regalen standen und mich mit verquollenen Augen anblickten. Sie sahen aus wie kleine, wabbelige Geister, vergrößert durch dickes Glas, und ich schwor mir, nie zu rauchen, selbst wenn ich niemals schwanger werden würde.

Jetzt sagte Marie-Louise: »Ich hab mit dem Rauchen angefangen, weil ich lernen wollte, wie man Rauchringe bläst.«

Sie blies einen perfekten Ring, der vor uns in der Luft schwebte. Ich starrte durch das Loch in der Mitte, bis er sich aufgelöst hatte, zu Rauchschwaden verschwunden war.

Ich sagte: »Das ist ein guter Grund, mit dem Rauchen anzufangen.«

»Ja«, sagte Marie-Louise, »versuch es.«

Sie schüttelte ihre Zigarettenpackung und hielt sie mir unter die Nase, ich griff danach, nahm einen der dünnen Stengel heraus und steckte ihn mir zwischen die Lippen. Als Marie-Louise das Feuerzeug anzündete, blitzte kurz das Bild eines der Babys vor mir auf, es schwebte in der Luft wie der Rauchring aus Marie- Louises Mund, bevor es zu wirbelnden Gedankenfetzen verpuffte.

»Danke«, sagte ich und zog.

Ich hustete mit geschlossenem Mund.

»Bravo«, sagte Marie-Louise. Ihr Lächeln war gemein.

Ich nahm noch einen Schluck aus der Wodkaflasche und spürte, wie die Flüssigkeit in meine Speiseröhre fuhr, heiß, brennend, beizend. Es war, als würde der Wodka etwas wegätzen, was seit Monaten in meinem Magen gelegen hatte, etwas Schweres, Düsteres, Lebendiges, das zäh und träge hin und her schwappte.

 

»Normalerweise drehe ich selbst«, sagte Marie-Louise, »aber die Schachtel hat jemand liegenlassen.«

Ich aß ein paar der Salzstangen, die neben mir lagen.

»Freddy has forgotten his guitar«, sagte Marie-Louise.

Der Wodka stieg mir hoch, ich schluckte.

Sie zog eine Gitarre hinter dem Bett hervor und klimperte darauf herum.

»Spielst du was?«, fragte sie.

»Blockflöte«, sagte ich.

Ab der dritten Klasse hatte ich mich geweigert, ein Instrument zu lernen.

»Nur Kinder und Idioten spielen Blockflöte«, sagte sie. Sie ließ den Daumen an den Saiten entlangschrappen, aber es schepperte nur.

»Ich war mal in einer Band«, sagte sie, »wir hießen Vagina Panic. Wir waren ziemlich cool. Ich habe Bass gespielt.«

 

Ich tippte ein wenig Asche von meiner Zigarette auf den Fußboden. »Ich kenne auch einen Freddie«, sagte ich.

Ich mochte es, wie ich die Kippe zwischen zwei Finger geklemmt hatte, während ich gleichzeitig die Wodkaflasche in derselben Hand hielt.

»Sie spricht!«, rief Marie-Louise.

»Er hat eine Freundin.« Ich aß noch eine Salzstange. Dann trank ich einen Schluck Wodka, als hätte ich nie etwas anderes getan. »Ungeahnte Abgründe«, sagte Marie-Louise. Ihre Stimme klang genauso rau und tonlos und weit weg wie vorhin.

Ich trat ans Fenster, hauchte an die Scheibe und malte mit dem Zeigefinger ein Herz in die beschlagene Stelle. Dann wischte ich es mit der ganzen Hand wieder weg.

»Man sollte sie nicht so ernst nehmen.« Marie-Louise matschte mit dem Löffel im Pudding herum.

»Was?«, fragte ich. Meine Zigarette spiegelte sich rot in der Fensterscheibe. Von drüben würde ich sie sehen können, und kurz lehnte ich die Stirn gegen das Glas und stellte mir vor, wie ich in meinem Zimmer saß und mir selbst beim Rauchen zusah.

 

»Die Männer. Die Beziehungen. Alles«, sagte sie. »Ich meine, ich habe mit vierzehn Typen geschlafen und über die Hälfte davon kann ich nicht mal wirklich leiden.«

Ich drehte mich um und blickte durch den schmutzigen, leeren Raum. Ich wusste, was sie meinte. Ich hatte mit drei Männern geschlafen und konnte keinen einzigen von ihnen ausstehen, zumindest nicht mehr.

Marie-Louise hatte ihren Laptop aufgeklappt und tippte darauf herum. Er war weiß mit abgerundeten Ecken.

»Findest du es nicht komisch, dass man zum Speichern immer noch auf ein Disketten-Symbol drückt, obwohl kein Mensch mehr Disketten verwendet?«, fragte sie.

Ich zuckte die Schultern.

»Überhaupt hasse ich Computer«, sagte Marie-Louise, »alles ist so unpersönlich. Niemand ruft einen mehr an.«

Sie hämmerte auf ihrer Tastatur herum und klappte dann den Laptop zu.

 

»Es ist einfacher, Menschen nicht zu mögen«, sagte sie, schob den Laptop in einen Rucksack und wandte sich wieder dem Pudding zu.

»All you people are vampires«, stellte ich fest.

»Wer hat das gesagt?«, fragte Marie-Louise.

Ich zuckte die Schultern und tippte mit meinem Zeigefinger gegen die Zigarette, sah zu, wie die Asche nach unten rieselte. »Wer räumt das hier alles auf?«, fragte ich und wischte mit dem Fuß durch die Asche auf dem Fußboden.

»Das mache ich morgen früh«, sagte Marie-Louise, »ich habe jetzt keine Lust.« 

Sie winkte mit einer Hand in Richtung Wodkaflasche, ich gab sie ihr. 

 

Das Düstere, Lebendige in meinem Magen schien sich zu bewegen, mir war übel. Marie-Louise trank.

 


Teil 6

Dann sagte sie: »Ich meine, wie kann man überhaupt jemanden ernst nehmen? Da ist dieser Typ, der ruft mich ständig an und so, aber immer, wenn ich seine Stimme höre, muss ich daran denken, wie er über mir kniet, seinen Schwanz in der Hand hält und sich selbst einen runterholt. Das war zwar interessant, aber auch irgendwie echt lächerlich.«

Sie zupfte ein bisschen Haut von ihrer Nase, vielleicht hatte sie einen Sonnenbrand gehabt, obwohl es seit Monaten regnete. Vielleicht häutete sie sich auch einfach nur wie eine Schlange, und morgen am Flughafen war sie schon jemand anderes, jemand Neues, jemand, der London sein Zuhause nannte.

Ich aß noch eine Salzstange, schüttete die restlichen aufs Bett und warf die leere Packung weg. Im Mülleimer unter dem Schreibtisch lagen Kondome. Ich bildete mir ein, sie riechen zu können, pelziges Latex und synthetische Erdbeere.

»Andererseits«, sagte Marie-Louise, »ich hatte mal eine Freundin, die hat Sperma-Proben gesammelt. Die hatte immer so ein kleines Plastikreagenzgläschen dabei. Die hätte sich sicher gefreut.«

 

Ich lehnte mich auf dem Bett zurück und sah ihr dabei zu, wie sie den Pudding löffelte. Sie wartete kurz auf eine Reaktion von mir. Dann redete sie einfach weiter, als wäre es gar nicht wichtig, ob ich da war oder nicht. Ich dachte an ihren Hamster.

»Na ja«, sagte sie mit vollem Mund, »we are the allsinging, all dancing crap of the world! Wir alle. Du auch.«

Sie wedelte mit ihrem Puddinglöffel vor meiner Nase herum.

Ich fand nicht, dass ich die singende, tanzende Scheiße der Welt war, sagte aber nichts.

»Das Leben ist einfach so«, sagte Marie-Louise. Ich überlegte, ob sie noch irgendetwas dazwischen gesagt hatte, was ich nicht mitbekommen hatte, nickte aber langsam und bedächtig.

»Darf ich mal deine Ohrringe anprobieren?«, fragte ich und betrachtete mich im Spiegel.

»Bitte«, sagte Marie-Louise.

Ich hakte mir die goldenen Fäden ins Ohr. Sie glitzerten, wenn ich mich bewegte.

»Ich meine, ich mag die meisten Leute sowieso nicht besonders«, sagte Marie-Louise, »und selbst wenn ...«

Sie ließ den Satz ausklingen, und ihre Finger malten Halbkreise in die Luft, wie ein Zauberer, der sich selbst verschwinden ließ. Mein Gesicht im Spiegel flackerte wie ein alter Fernsehbildschirm. Ich bewegte den Kopf nach rechts, mein Spiegelbild war langsamer als ich. Es wischte hinter mir her. Neben meiner Zigarette glühten meine Augen.

Marie-Louise redete weiter, aber auf einmal war ich müde und kam nicht mehr mit.

Ich legte mich aufs Bett und schaute an die Decke. Der Raum fing an, sich langsam zu drehen, und ich hängte ein Bein über die Bettkante und stellte die Fußsohle flach auf den Boden, in der Hoffnung, ihn anhalten zu können, aber es wirkte nicht.

Marie-Louise zog an mir vorbei, ihre Stimme wurde kleiner und kleiner, verhallte, kam wieder näher, ich konnte einzelne Wörter hören, die mir nichts sagten, Fremdwörter, vielleicht sprach sie schon englisch, vielleicht war sie schon gar nicht mehr da.

Eine Schulfreundin von mir studierte Anglistik. Sie würde wissen, was Marie-Louise sagte, sie würde mir helfen, sie zu verstehen.

Anja war nett gewesen, nett und bodenständig. Ich hatte sie lange nicht gesehen, aber das war sie bestimmt immer noch.

 

Frau Krause tauchte in meinem Kopf auf, mausgrau und winzig hinter ihrem Pult im Physiksaal. Ihr verzerrtes Gesicht, ihre verkrampften Hände, die am Draht klebten, ihr langgezogener Schrei, krächzend und irgendwie unmenschlich. Die ganze Klasse hatte gelacht. Der Schrei, das Gelächter und zwischendrin Anja, mit gerunzelter Stirn. Die riesigen Augen von Frau Krause. Anja, die nach vorne stürmte und auf den roten Notfallknopf haute, und Frau Krause, die auf dem Pult zusammensackte und endlich das Kabel losließ.

Eine Wasserpfütze, ein geschlossener Stromkreis.

Anja durchschaute Situationen.

Wenn ich die Augen schloss, fuhr der Raum schneller im Kreis

herum, also fixierte ich etwas an der Decke, einen kleinen, dunklen Fleck in einem Meer aus Weiß, eine Spinne vielleicht.

Nach der Schule war Anja nach Amerika gegangen. Ich hatte nicht mehr gewusst, was ich ihr erzählen könnte.

 

Wahrscheinlich sprach Marie-Louise, aber ihre Stimme war nur ein holpriges Surren irgendwo im Zimmer.

Ihr Kopf waberte durch mein Sichtfeld. Ihre Augen waren schwarz und verwaschen.

»Süße«, sagte sie zu meinem Mund, »geh lieber kotzen.« Niemand seit Freddie hatte mich Süße genannt.

Schmuddelige Männer mit Rucksäcken sprachen mich regelmäßig an Bahnhöfen an, weil ich so niedlich und harmlos aussah. Ob ich ihnen fünfzig Cent geben könne. Ich verzog jedes Mal den Mund und war immer besonders unfreundlich zu ihnen, wisperte böse, dass ich kein Kleingeld hätte.

Jemand zog an meinem Arm.

»Geh ins Bad«, sagte Marie-Louises Stimme langsam und von weit weg. Ich stand auf und ließ mich in die Nasszelle schieben, fiel auf die Knie, hängte den Kopf über die Kloschüssel, erbrach augenblicklich eine fast klare Flüssigkeit. Ich hatte nichts zu Abend gegessen. Die Ohrringe klirrten leise am Porzellan. Ich würgte noch ein paar Schübe gelbliche, bittere Galle hervor.

»Keinen Wodka mehr für dich«, sagte Marie-Louise. Sie reichte mir ein Glas Wasser, ich trank es aus, stellte es weg und übergab mich noch einmal. Spuckefäden klebten an meinem Kinn. Wenn ich den Kopf seitlich auf meine Arme legte, konnte ich Marie- Louises Beine sehen, die wie ein Dreieck neben mir schwebten. In ihrer Strumpfhose war ein Loch, als würde sie sich aus ihr herausschälen wollen.

»Hoch mit dir«, sagte Marie-Louise und zog.

Ich saß auf dem Bett und zerkrümelte die restlichen Salzstangen auf dem Laken, bis ich mich besser fühlte.

 

 


Ende


 Kristina Pfister

Die Kunst, einen Dinosaurier zu falten

 

Tropen Verlag

ISBN: 978-3-609-50159-9

Preis: 20 Euro