Minidrama

Die großen Welterklärdramen von Shakespeare, Schiller & Co. bestehen klassischerweise aus fünf Akten. Unser Minidrama jedoch kommt mit weniger Akten aus, meistens mit dreien, manchmal auch nur mit einem - nie aber ohne Theaterdonner.



Bild: Zeichnung Kunst Fack ju Schilla Fackjuschilla Minidrama Vorhang Theater Oper Bühne Uraufführung
Bild: © Lyra

Wenn Bücher sprechen

 

Ein blaues Sofa auf der Frankfurter Buchmesse. Darauf sitzen eine Frau und ein Mann. Die Sätze, die sie sprechen, scheint ihnen ein Souffleur vorzusagen...

 

I. Akt

MANN: Ich bin Goethe.

FRAU: Oh...

MANN: Sensationell. Verblüffend. Bezaubernd. Verrückt. Unglaublich.

FRAU: Oh...

MANN: Ich muss nicht alles glauben, was ich denke.

FRAU: Einen Scheiß muss ich.

MANN: Worüber wir sprechen, wenn wir über Bücher sprechen.

FRAU: Tintenherz.

MANN: ...

FRAU: Muttitasking.

MANN: ...

FRAU: Deutsche Nullen.

MANN: ...

FRAU: Nackt im Treppenhaus.

MANN: ...

FRAU: Winterhonig. Mondhitze. Dünenfeuer.

MANN: Dieses Buch macht nicht glücklich, aber weniger traurig.

FRAU: Verarschen kann ich mich alleine.

MANN: Ich denke, also spinn ich.

FRAU: Denken wird überschätzt.

MANN: Ein Geräusch, wie wenn einer versucht, kein Geräusch zu machen.

FRAU: Top.

MANN: Manchmal will man eben Meer.

 

II. Akt

FRAU: Ich hab Zeit, was hast du?
MANN: Ich hatte mich jünger in Erinnerung.

FRAU: Die Zeit, die Zeit.

MANN: Noch ein Tag und eine Nacht.

FRAU: Slowtime.

MANN: Die Tage, die ich mit Gott verbrachte.

FRAU: Eierlikörtage.

MANN: Höllensturz.

FRAU: Für immer und jetzt.

MANN: Morgen ist es vorbei.

FRAU: Endgültig.

MANN: Es muss wohl an dir liegen.

FRAU: Schuld bist du.

MANN: Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war.

FRAU: Zum Frieden braucht es zwei, zum Krieg reicht einer.

MANN: Eine Reise von 1000 Meilen beginnt mit dem ersten Schritt.

FRAU: Am Arsch vorbei geht auch ein Weg.

MANN: Mach, was du willst.

FRAU: Ein Idiot reist weiter.

MANN: Ich bleibe hier.

FRAU: In uns allen steckt ein Flüchtling.

 

III. Akt

FRAU: Katzen würden Mäuse kaufen.

MANN: Oma hat noch Dinosaurier gekannt.

FRAU: Miau Wau Wau.

MANN: Vorstadtkrokodile.

FRAU: Grrrrr!

MANN: Mit dem Elefant durch die Wand.

FRAU: Der Tag, an dem ich feststellte, dass Fische nicht klettern können.

MANN: Schimpansen macht man nicht zum Affen.

FRAU: Eine Kuh macht Muh, viele Kühe machen Mühe.

MANN: Herzrasen kann man nicht mähen.

FRAU: Neurosen welken nicht.

MANN: Genauer betrachtet sind Menschen auch nur Leute.

FRAU: Du sagst es.

 

IV. Akt

MANN: Wo wir gerade von belegten Brötchen reden.

FRAU: Hier ist alles Banane.

MANN: Esst euer Eis auf, sonst gibt's keine Pommes.

FRAU: Zähne putzen, Pipi machen.

MANN: Mein Bett ist halbvoll.

FRAU: Ich war glücklich, ob es regnete oder nicht.

MANN: Ich will mich ändern, aber wie?

FRAU: Sei nicht so hart zu dir selbst.

MANN: Come closer.

FRAU: Wir kennen uns doch kaum.

MANN: Haut nah.

FRAU: Hier bin ich.

MANN: Fühl! Dich! Wohl!

FRAU: Apfelstrudelküsse.

MANN: Erogene Zone.

FRAU: Moment!

MANN: Spüre die Leichtigkeit.

FRAU: Halt mich fest.

MANN: Auf und Zu.

FRAU: Eigentlich müssten wir tanzen.

MANN: Auf und Zu.

FRAU: Jetzt - alles - sofort.

MANN: Ist das Liebe oder kann das weg?

FRAU: Deins ist meins.

MANN: Wo ist Emma?

FRAU: Ich kann einfach nicht Wein sagen.

MANN: Und was machen Sie beruflich?

FRAU: Ich arbeite in einem Irrenhaus.

MANN: Ich bin dann mal im Keller.

 

V. Akt

FRAU: Was ich noch sagen wollte...

MANN: Finde dich gut, sonst findet dich keiner.

FRAU: Ich heiße nicht Miriam.

MANN: Is' mir egal.

FRAU: Ich heiße Parvana.

MANN: Nur noch kurz die Ohren kraulen.

FRAU: Es reicht.

MANN: Nicht schon wieder keine Tore.

FRAU: Männer und Frauen passen einfach nicht zusammen.

MANN: Warum sind wir eigentlich noch nicht tot?

FRAU: Fragen Sie Ihren Bestatter.

 

[Die Dialoge sind eine Montage aus aktuellen Buchtiteln.]

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Friedhof der Maskottchen

 

I. Akt

Kaufhaus Lafayette in Paris. Bundestrainer Joachim Löw schlendert durch die Jugendstilhallen. In der Spielzeugabteilung bleibt er vor einer beleuchteten Vitrine stehen, in der eine Plüschpuppe mit Stupsnase und Segelohren leise vor sich hin schluchzt. Sie trägt weiße Fußballschuhe und einen roten Umhang.

VICTOR (mit den Fäusten gegen die Glaswand schlagend): Trainer, hol mich hier raus!

Löw guckt irritiert.

VICTOR: Ich bin Super Victor, das offizielle EM-Maskottchen 2016.

LÖW: Was machst du in der Vitrine?

VICTOR: Das ist eine lange Geschichte.

Löw guckt neugierig in Victors schwarze Plastikaugen.

VICTOR: Ich wurde von Slavek und Slavko entführt.

LÖW: Von wem?

VICTOR: Den EM-Maskottchen von 2012.

LÖW: Verstehe.

VICTOR: Sie haben mich an Händen und Füßen gefesselt und dann an Trix und Flix ausgeliefert.

LÖW: An wen?

VICTOR: Die EM-Maskottchen von 2008.

LÖW: Verstehe.

VICTOR: Die wiederum haben mich an Kinas, Benelucky, Goaliath, Bernie und Peno ausgeliefert.

LÖW: An wen?

VICTOR: Das sind meine Maskottchen-Brüder. Sie waren von 1988 bis 2004 im Einsatz. Inzwischen haben sie eine Wohngemeinschaft mit Sepp Blattner, Michel Platini und Uli Hoeness gegründet und...

LÖW: Verstehe.

VICTOR: Du glaubst mir nicht?

LÖW: Natürlich glaube ich dir.

VICTOR: Dann hol mich hier raus, ich habe wichtige Termine.

LÖW: Termine?

VICTOR: Ich muss Daumen drücken bei den EM-Spielen! Vorher muss ich aber noch zum Friseur.

LÖW: Klar.

Löw zieht ein Stofftaschentuch aus seiner Hose und verhängt damit die Überwachungskamera. Dann nestelt er mit seinem Schlüsselanhänger an dem Schloss der Vitrine herum, bis es Klick macht. Vorsichtig öffnet er die Glastür.

VICTOR: Danke, Trainer, für die Freiheit!

 

II. Akt

Super Victor sitzt auf einem gepolsterten Drehstuhl in einem Friseursalon. Es riecht nach Rosenwasser und Apfelshampoo.

VICTOR: Dieser Bürstenschnitt von Manuel Neuer...

BARBIER: Schrecklich!

VICTOR: Dieser Bürstenschnitt von Mesut Özil...

BARBIER: Grauenhaft!

VICTOR: Und dieser Bürstenschnitt von Thomas Müller...

BARBIER: Pfui, pfui, pfui!

VICTOR: Ist ja wohl klar, dass der keine Tore schießt. Mit so einer Kurzhaarfrisur kann man keine Fußballgötter gnädig stimmen.

BARBIER: Wie soll ich die Haare schneiden, verehrtes Maskottchen?

VICTOR: Eine Superlocke für Super Victor!

Der Barbier kramt Kamm und Schere aus seiner Werkzeugtasche hervor. Plötzlich stürmen drei maskierte Maskottchen in den Salon und stürzen sich auf Super Victor. Sie fesseln seine Hände und Füße, stülpen ihm einen Jutebeutel übers Gesicht und schleifen ihn Richtung Straße.

VICTOR (schreit): Barbier, funk Löw an!

Die maskierten Maskottchen verfrachten Super Victor in einen dunklen Kastenwagen und brausen davon.

 

III. Akt

Friedhof der Maskottchen. Mitternächtliches Glockengeläut. Umringt von Fackeln, zelebrieren Dutzende von maskierten Plüschtieren auf den Gräbern den Gaucho-Tanz. Slavek und Slavko, die Maskottchen-Zwillinge der EM 2012, führen Super Victor an eine besonders finstere Friedhofsstelle.

SLAVEK und SLAVKO (im Chor): Schau, Victor, das ist die Gruft von Goleo. 

Sie zeigen mit ihren Kuscheltierfingern auf eine bemooste Steinplatte.

VICTOR: Der zottelige WM-Plüschlöwe von 2006?

SLAVEK und SLAVKO (im Chor): Genau der.

VICTOR: Hat der nicht einen Logenplatz im Haus der Geschichte in Bonn bekommen?

Bernie, der Gute-Laune-Hase der EM 1998, hoppelt herbei.

BERNIE: Da hinten liegt, die Kuscheltiergötter haben ihn selig, Bobby Bolzer vom Vfl Bochum.

Er zeigt auf ein Kreuz unter zwei gotischen Spitzbögen.

VICTOR: Arme blaue Maus.

Peno, der Glücksbringer-Hahn der EM 1984, stolziert herbei.

PENO: Und das hier wird dein zukünftiges Zuhause sein.

Er zeigt auf eine frisch ausgehobene Grube.

VICTOR (irritiert): Die ist ja schon besetzt!

Erstaunt gucken alle in die Grube. Dort sitzt Steven King auf einem altem Klappstuhl mit Taschenlampe und Schreibblock.

STEVEN KING (verärgert): Kann ich nicht einmal hier in Ruhe arbeiten?

Im selben Moment biegt Joachim Löw um die Friedhofsecke, im Schlepptau schießwütige Nationalspieler. Unter lautem Gejohle ballern sie mit Dutzenden von Bällen auf die maskierten Zombie-Plüschtiere, die - zitternd und angstschweißgebadet - in die finstere Nacht fliehen.

VICTOR: Eine Sekunde später, und sie hätten mich mausetot gemacht.

LÖW: Ach, ein Recycling-Maskottchen wär' auch okay.

Victor und Löw umarmen sich.

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Mit Krummdolch, Spickzettel und Zauberstab

 

I. Akt

Foyer des Berliner Ensembles. Auf einem lilafarbenen Podest unter funkelnden Kronleuchtern und vor einem großen Wandspiegel sitzen Volker, Christine und Maxim, umringt von Fernsehkameras und Livepublikum. Lampenfieber liegt in der Luft. Nachdem die Trailermusik verklungen ist, gibt der Aufnahmeleiter dem Publikum ein Zeichen. Tosender Applaus setzt ein. Der unbeschlipste, sturmfrisierte Moderator setzt seinen Dackelblick auf.

VOLKER: Herzlich willkommen zu einer neuen Ausgabe des "Literarischen Quartetts".

MAXIM (keifend): Einspruch!

VOLKER (irritiert): Ich bin doch noch bei der Begrüßung...

MAXIM: Das ist keine Begrüßung, Mann, das ist ätzendes Infotainment.

VOLKER: Aber...

MAXIM: Ein Fegefeuer der Boshaftigkeiten!

VOLKER: Äh...

MAXIM: Ein intergalaktischer Spießeralbtraum!

VOLKER: ...

MAXIM: Hiermit fordere ich Sie zum Duell auf!

Maxim springt auf und zieht einen türkischen Krummdolch hervor. Dieser blitzt gefährlich im Scheinwerferlicht. Geschrei im Publikum. Der Fernsehintendant, der als Gast in der ersten Reihe sitzt, stürmt auf Maxim zu und überwältigt ihn. Der herbeigerufene Theaterarzt verpasst ihm eine Beruhigungsspritze.

 

II. Akt

Nachdem das Foyergetuschel verstummt ist und alle wieder ihre Plätze eingenommen haben, wird die Sendung fortgesetzt. Der Aufnahmeleiter gibt dem Publikum ein Zeichen. Applaus setzt ein. Der Moderator setzt seinen Dackelblick auf.

VOLKER: Es sind nicht nur Buchstaben. Bücher können gefährlich sein.

MAXIM: Lesen und Schreiben, finde ich, werden allgemein überschätzt.

CHRISTINE: Das Reden, mein Lieber, das Reden wird überschätzt.

FERNSEHINTENDANT (aus dem Off): In dieser Sendung geht es um Bücher?

CHRISTINE: Die Sendung dient der Verkaufsförderung.

MAXIM: Der Meinungsförderung. Der Förderung meiner Meinung.

Volker kramt einen zerknitterten Spickzettel hervor.

VOLKER: Der Literaturbetrieb verliert ja leider an gesellschaftlicher Bedeutung. Deshalb braucht er unbedingt...

Er setzt seine Lesebrille auf und schaut auf den Spickzettel.

VOLKER: ... mehr Erotik!

CHRISTINE: Mehr saudi-arabische Enthüllungslyrik!

MAXIM: Mehr Billerbrusthaar!

VOLKER: Mehr Ironie!

CHRISTINE: Mehr Pathos!

MAXIM: Mehr Nihilismus!

Plötzlich ein lauter Knall und völlige Dunkelheit. Ein Kurzschluss hat die Scheinwerfer außer Gefecht gesetzt. Geschrei im Publikum.

 

III. Akt

Nachdem die Techniker das Foyer wieder eingeleuchtet und alle wieder ihre Plätze eingenommen haben, wird die Sendung fortgesetzt. Der Aufnahmeleiter gibt dem Publikum ein Zeichen. Matter Applaus setzt ein. Der Moderator setzt seinen Dackelblick auf.

VOLKER: Natürlich werden wir uns hier und heute auf gar keinen Fall einig.

CHRISTINE: Natürlich.

MAXIM: Natürlich nicht.

VOLKER: Allerdings sollten wir an unsere Fernsehkarriere und an die Einschaltquote denken.

CHRISTINE: Wir sollten sie auch fühlen.

MAXIM: Denken? Fühlen? Alles scheindemokratischer Unsinn!

VOLKER: Vielleicht können wir uns auf den Satz einigen: Wo Roman draufsteht, muss auch Roman drin sein.

CHRISTINE: Hat das nicht Literaturbetriebsnudel Elke gesagt?

MAXIM: Der Satz stammt aus einem unveröffentlichten Manuskript von einem Held, der als Antiheld von Cliffhanger zu Cliffhanger...

Auf einmal zischt und donnert es. Theaternebel wabert übers Podest. Es erscheint der Geist von Marcel Reich-Ranicki. 

GEIST: Genug!

Mit einem Zauberstab berührt er zunächst Volker, dann Christine und schließlich Maxim, die sofort in glitzernden Buchstabensalat zerfallen. Geschrei im Publikum.

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