Fluchen für Fortgeschrittene

Wer schimpft, kommt besser durch den Alltag. Aber Vorsicht, überall lauert die Sprachpolizei - in Leitartikeln, Behördenformularen und Internetforen. Anfänger unterscheiden nicht genug zwischen Fluchen und Beleidigen. Der Schimpfprofi hingegen weiß: Fluchen ist eine Kunst. Beleidigen ist eine Taktlosigkeit, wenn nicht gar eine Herabwürdigung. Pfui!



Rechtschreibüberprüfungsprogrammbenutzer, der

Mein Gott, wie hässlich das klingt: Rechtschreibüberprüfungsprogrammbenutzer. Bringt irgendjemand dieses Monsterwort unfallfrei über die Lippen? Blass wir ein Nerd und windschief wie ein türkischer Krummsäbel sitzt er da und haut im Dreivierteltakt auf die Computertasten. Ein Buchstabenvirtuose! Ein Beweger von Bedeutung und Bewusstsein! Fest glaubt er an die Backup-Götter, wohnhaft in einer iCloud, an Software-Solutions und Algorithmen. Die Technik, glaubt er, sei weniger spinös als der Mensch, und wundert sich über all die roten Unterkringelungen. Aber ja doch: Man kann dudenwidrige Texte auch mit einem Rechtschreibprogramm verfassen.

 


Krähwinkler, der

Wolkenkratzer? Dauerparty? Feinstaubalarm? Pah, darauf pfeift er mit der Melodie "Im Märzen der Bauer die Rößlein einspannt..." Dass der Krähwinkler, auch herzhaft als Frischluftfanatiker, Landei oder Hinterwäldler verlacht, keine Dumpfbacke sein muss, hat schon der amerikanische Schriftsteller Henry David Thoreau mit seiner Blockhütte am Walden Pond bewiesen. Dorthin zog er nicht, um vor der industrialisierten Massengesellschaft zu fliehen, sondern um ein Leben im Einklang mit sich selbst zu führen. Es sind ja vor allem zivilisationsmüde Stadtbewohner, die von der Landlust schwärmen oder von der Sommerfrische in einer frisch geodelten Metropolregion. Wer jetzt noch die Großstadt und ihre Gossen preist, den erinnern wir an Erwin Chargaff. Der nannte New York eine "Senkgrube des Mordes, des Hasses, der Grausamkeit". Und Heinrich Heine schimpfte über Berlin: "Ein großes Krähwinkel." Eben.


Bankzinsenluder, das

Ursprünglich bezeichnet das Luder in der Jägersprache einen Kadaver zum Anlocken von Raubtieren. Erst in den 1990er Jahren avancierte das Luder in den Boulevardmedien zum "Boxenluder", "Teppichluder", "Partyluder" und "Promiluder". Das sind, altdeutsch gesprochen, liederliche Frauenzimmer, oder auch, neudeutsch gesprochen, mit Botox und Silikon aufgepeppte Frauen, die prominente Männer jagen und sammeln und dabei ihre körperlichen Reize öffentlichkeitswirksam vermarkten. Neuerdings sprechen Kabarettisten und andere Systemkritiker vom "Bankzinsenluder". Sie beschreiben damit im internationalen "Kapputalismus" agierende Personen, die Casino-Banken, kaum platzt die Spekulationsblase, mit Steuergeldern und einer bankster-freundlichen Zinspolitik künstlich am Leben halten. Eng verschwistert und verbrüdert mit der "Heuschrecke" und der "Niete in Nadelstreifen". Wer die Buchstaben von "Bankzinsenluder" neu sortiert, kommt übrigens auf das Wort "Bundeskanzlerin".


Barterien, die

Dass Fotomodels eine Gurken-, Feuerwehrleute eine Atemschutz- und Bankräuber eine Strumpfmaske aus beruflichen Gründen übers nackte Gesicht stülpen, kann man ja noch verstehen. Aber wozu, bitte, sollen Haare im Gesicht nützlich sein? Schon klar: Der Bart, ein friendly reminder an unsere vorsintflutlichen Affenjahre, wird gern als Symbol der Männlichkeit gefeiert - der kratzbürstige Dreitagebart ebenso wie der ziegenartige Kinnbart und der buschige Vollbart. Doch selbst Hygienebewusstsein und der Besuch eines Barbiers können nicht verhindern, dass sich immer wieder fiese Keime in der Rotzbremse einnisten. Bäh.


Bodendompteuse, die

Fachkraft für Raumhygiene. Früher nannte man sie Putzfrau. Weil das aber total unsexy klingt, wurde es durch das Wow-Wort "Environment Improvement Technician" ersetzt. Macht das Wischen und Wienern dadurch mehr Spaß? Wer als Haushaltshilfe minijobbt, betritt den Arbeitsplatz zumeist über den Dienstboteneingang und muss putzmunter und akrobatisch wie eine Ballerina sein, darf aber trotzdem kein Tütü tragen. Wohl deshalb prägte ein bayerischer Volkssänger den Satz: Suche Zugehfrau, die wieder geht.


Deppenzepter, das

Synonym für Selfie-Stick. Das Lieblingsspielzeug mobiler Narzisten soll beim Fotoshooting helfen, wenn man im Louvre in vierter Reihe vor der Mona Lisa steht, aber keine Mona Lisa sieht, sondern nur den lichten Haarkranz des Vordermannes bzw. den ausladenden Florentinerhut der Vorderfrau.

Auch als Nahkampfwaffe geeignet, um sich im Museumsgewühl eine Bresche in die erste Reihe zu schlagen. Komiker nennen das Selfie auch "Schnellfie", womit sie ein flüchtig arrangiertes, kunstvoll verwackeltes Smartphone-Selbstporträt meinen. In manchen Museen gibt es bereits ein Verbot des ausfahrbaren Selfie-Sticks, sehr zum Frust aller Deppenzepter-Fans, deren Dauergrinsen sich dadurch weniger inflationär auf dem Angeberportal Instagram bzw. in den Klatsch-und-Tratsch-Spalten wiederfindet. 


Duzent, der

Goethe und Schiller haben ihre Eltern noch gesiezt. Long time ago. Inzwischen befindet sich Deutschland auf dem Weg in die Du-Gesellschaft. 

SPD-Genossen duzen CSU-Abgeordnete, Sportreporter duzen Fußballmillionäre, Facebook-Schnösel duzen Youtube-Aktivisten. Bei multinationalen Konzernen wie Microsoft und Google feiern sie das Firmen-Du wie die Abschaffung des Sklavenhandels. Nun hat die vermeintlich Nähe und Gleichheit schaffende Rudelduzerei das akademische Milieu erreicht. Dozenten, die einseitig von oben nach unten duzen, heißen "Duzent". Manchmal dürfen die Studenten auch zurückduzen. Klingt modern. Ändert aber nichts an den realen Machtverhältnissen. Gegen die Ausweitung der Du-Zone hilft nur penetrantes Siezen. "Zeidler, Max, bitte setzen!"


Friedhofsgemüse, das

Wenn Kaugummi kauende Pickelgesichter - von Witzbolden auch "junges Gemüse" gerufen - mit verdrehten Käppis und am Hintern schlabbernden Hosen eine flapsige Umschreibung für weißhaarige, runzlige, zahnlose Menschen suchen, dann sprechen sie gern vom "Friedhofsgemüse". Alternativ benutzen sie "Krampfadergeschwader". Aber nicht vergessen: Mit zunehmendem Alter landet der Jugendjargon auf dem Komposthaufen.


Motzgurke, die

Wie die Gurke zum Motzen kam, ist bislang nicht hinreichend erforscht. Vielleicht liegt der Ursprung für dieses Wortgebilde im Dorf "Motzen". Dort, im finsteren Spreewald, wo sie eifrig berlinern, schießen borstig behaarte Gurkenpflanzen aus dem märkischen Sand. Nach der Ernte werden sie mit Knoblauch, Zwiebeln und Dill zum Schrumpfen in böse Einweggläser gezwängt, was die Gurkengewerkschaft gar nicht lustig findet. "Motzgurke" heißt auch eine Sendung im Kinderkanal des deutschen Staatsfernsehens, in der ein pädagogisch unterbelichteter Hausmeister seine schlechte Laune an Schülern abreagiert. Als Logo fungiert eine krummbeinige, essigsauer brabbelnde, griesgrämig dreinschauende Salatgurke. So drängt sich die Erkenntnis auf: "Motzgurken" reden Hauptstadt-Dialekt, und sie tragen graue, hässliche Arbeitskittel. Aus sonnengereiften Freiland-Motzgurken werden übrigens oft Schimpfkanonen, aus Gewächshaus-Motzgurken eher Knalltüten.


Sandkastenrocker, der

Der Wiege entlaufen, buddelt, krabbelt und tobt er auf dem Kinderspielplatz, wo er, ungestört von elterlichen Maßregelungen, die Herrschaft über Schaufel und Bagger ausüben darf und zwischen Rutsche, Schaukel und Klettergerüst erste Bühnenerfahrungen für seine spätere Karriere als "Rampensau" sammelt. Brüllt, wenn er schon sprechen kann, Mick-Jagger-Fanparolen wie "Der Greis ist heiß". Verwandt mit dem "Dreikäsehoch". Älter geworden, ruft man ihn "Pimpf", "Lausnickel" oder "Milchgesicht".