Exportschlager

Kröten tun es, Menschen auch und Wörter sowieso - sie wandern. Viele lateinische und englische Begriffe sind in die deutsche Sprache eingewandert, gleichzeitig sind zahlreiche deutsche Wörter in andere Sprachen ausgewandert. Eine Auswahl solcher Sprachexporte versammelt diese Rubrik.



Liebhabervilla

Weder das Fachwerkhaus noch das Reihenhaus oder die Plattenbauwohnung haben es in den dänischen Immobilienmakler-Jargon geschafft, sondern nur die "Liebhabervilla". Mit dem Begriff sollen Kennzeichen wie "Geräumigkeit", "Altbaustil" und "exponierte Lage" hervorgehoben werden. Oder man benutzt ihn, weil man nicht "renovierungsbedürftig" sagen möchte - so wie man in Deutschland ein baufälliges Objekt gerne zu einer "Traumvilla mit verstecktem Charme" verklärt.

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Wunderkind

Der Romantiker Novalis (1772-1801) bezeichnete Jesus einst als Wunderkind, um dessen Geburt im Stall zu Betlehem zu verklären. Goethe benutzt das Wort bald darauf als Ausdruck künstlerischer Frühreife, für den musikalisch genialen Felix Mendelssohn Bartholdy. Beide Aspekte, der Heiligenschein und die Hochbegabung bestimmen weiterhin die Bedeutung des Wortes, denn Wunderkinder gelten bei Kritikerpäpsten selbst dann noch als sehr begabt, wenn sie längst erwachsen oder gar Greise geworden sind und ihre Begabung womöglich ein wenig nachgelassen hat. Ernannt werden Wunderkinder zumeist von Journalisten, die den Superlativ lieben und hoffen, dass von der empfindsamen Wunderkind-Aura auch ein wenig auf sie selbst abstrahlen möge. Der Physiker Stephen Hawkings muss sich seinen Wunderkind-Status etwa mit der klavierspielenden Popsängerin Alicia Keys oder gar der weithin unbekannten Golferin Michelle Wie teilen. Dies konnte passieren, nachdem der englische Dramatiker George Bernard Shaw das geheimnisvoll raunende Wunderkind (sprich: "voon-der-kind") 1891 ins Englische eingeführt und es sich danach bald schon durchgesetzt hatte, gegen "wonderboy" (Wunderknaben) und den "wonder-worker" (Wundertäter), und auch gegen die Wendungen "miracle child" und "wonder child". Spätestens seit Modemacher Wolfgang Joop eine seiner Marken auf den Namen Wunderkind taufte, spricht man im Deutschen jedoch viel lieber vom ewig alterslosen "Junggenie". 

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Heimweh

Bevor Freddy Quinn seine melancholischen Seefahrerlieder anstimmte, Waisenkind Heidi im hässlichen Frankfurt die Schweizer Bergidylle vermisste und Erdenbesucher E.T. mit dem herzzerreißenden Wunsch "nach Hause telefonieren" sein außerirdisches Heimweh zum Ausdruck brachte, verstand man unter Heimat das Himmelreich: Bis ins 17. Jahrhundert hinein hat das Christentum das Erdenleben als ein Elend betrachtet, von dem man erlöst werden müsse. Im Laufe des 18. Jahrhunderts fand der deutsche, erstmals 1705 als "Schweizer Krankheit" bezeugte Ausdruck "Heimweh", durchdrungen von Weltschmerzgefühlen und Weltfluchtgedanken, ins Englische, gern auch in der Lehnübertragung "homesickness" respektive "homesick" gebräuchlich. Im "Oxford English Dictionary" verzeichnet. Im Französischen sagen sie hingegen "mal du pays", im Italienischen und Spanischen "nostalgia". Niemand hat das moderne Heimweh so unsentimental beschrieben wie Karl Valentin: "Fremd ist der Fremde nur in der Fremde."

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Gullydeckel

Überraschungsgeschenk hygienebewusster Kolonialherren. Die kleinste Kolonie des Kaiserreichs gründeten deutsche Soldaten 1897 im chinesischen Tsingtao am Gelben Meer. Das verschlafene Fischerdorf verwandelten sie in eine pulsierende Stadt: Sie pflasterten Straßen, errichteten Jugendstilgebäude, brauten Bier nach deutschem Reinheitsgebot und legten ein Kanalsystem mit vielen Gullys an, das Schmutz- und Regenwasser getrennt sammelte. 1914 wurde das kaiserliche Militär von japanischen Truppen vertrieben. Zum Erbe der Kolonialzeit gehört das "Tsingtao-Bier", das in ganz China und 40 weiteren Ländern getrunken wird, sowie das Wort "Gulli". Im Provinzdialekt von Tsingtao, heute immerhin eine Sieben-Millionen-Metropole, bezeichnet es den Gullydeckel. Beim Flanieren durch die Altstadt mit ihren Kopfsteinstraßen kann man noch immer auf sie stoßen.

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Kindergarten

Beliebtestes aller ausgewanderten Worte. Naturbelassen wie eine Pflanze, sollten sich die drei- bis sechsjährigen Kinder in dem ersten, 1840 in Thüringen von dem Pädagogen Friedrich Fröbel (1782-1852) gegründeten Kindergarten entwickeln, jenseits der autoritären Methoden preußischer Landerziehungsheime. Schon elf Jahre später entstand der erste ausländische Kindergarten in London, 1856 folgte der erste amerikanische Kindergarten in Watertown im Bundesstaat Wisconsin. Das Echo war so gewaltig, dass es in den Vereinigten Staaten 1882 bereits knapp 350 weitere Kindergärten gab. Amerikaner und Briten übernahmen nicht nur die Vorschulidee, sondern auch die Fröbel'schen Bauklötze und die deutsche Vokabel "Kindergarten". Sie taucht zum ersten Mal 1852 im Englischen auf und ist im "Oxford English Dictionary" verzeichnet, neben den Ableitungen "Froebelian" und "Froebelism". Mittlerweile bezeichnet das Wort "Kindergarten" in den Vereinigten Staaten allerdings nicht mehr einen Aufbewahrungsort für den Nachwuchs erwerbstätiger Eltern - so etwas heißt dort nun "nursery school". Sie bezeichnet die fest in das öffentliche Schulwesen eingebettete Vorschule. Auch dient sie als Quelle zahlreicher Ableitungen, die dem britischen Englisch fehlen. Die Kindergärtnerin hieß zunächst "kindergartner", später "kindergarten teacher". "Kindergartner" ist heute das Kind, das den Kindergarten besucht; als "pre-K" bezeichnet man ein noch nicht schulpflichtiges Kind; das Verb "to kindergarten" bedeutet "die Kindergartenmethode anwenden". In Kanada wiederum unterscheiden sie zwischen "Junior Kindergarten" (für die Vierjährigen) und "Senior Kindergarten" (für die Fünfjährigen). Das deutsche Wort "Kindergarten" ist auch im Italienischen, Japanischen Schwedischen und Spanischen bekannt; die bambinivernarrten Italiener kennen zudem die Lehnübersetzung "giardino d'infanzia", das "Kinderheim" in der Bedeutung "Ferienhort" und die "Schwester" in der Bedeutung "deutsches Kindermädchen". Im Französischen benutzen sie seit den 1930er Jahren die Lehnübersetzung "jardin d'enfants". Und womit wird in so einem "jardin d'enfants" gespielt? Mit Playmobil-Piraten aus Nürnberg, Schleich-Rittern aus Schwäbisch Gmünd, Steiff-Tieren aus Giengen an der Benz und den Ravensburger Puzzles.

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