Club der mausetoten Dichter

Selber denken, selber handeln, selber träumen - all das befeuert die Schönheit der Poesie. Unser kleines Lyrik-Kabinett präsentiert regelmäßig ein neues Gedicht samt Interpretation.



Die Nachtigall

Theodor Storm

 

Das macht, es hat die Nachtigall

Die ganze Nacht gesungen;

Da sind von ihrem süßen Schall,

Da sind in Hall und Widerhall

Die Rosen aufgesprungen.

 

Sie war doch sonst ein wildes Blut;

Nun geht sie tief in Sinnen,

Trägt in der Hand den Sommerhut

Und duldet still der Sonne Glut

Und weiß nicht, was beginnen.

 

Das macht, es hat die Nachtigall

Die ganze Nacht gesungen

Da sind von ihrem süßen Schall,

Da sind in Hall und Widerhall

die Rosen aufgesprungen.

 

 

Interpretation

Das Gedicht "Die Nachtigall" aus dem Jahren 1864 gliedert sich in drei Strophen mit je fünf Versen. Das Reimschema lässt sich als "unechter Kreuzreim" einordnen, da jeweils noch ein weiterer Vers eingefügt wird (ABAAB). Der eingeschobene vierte Vers jeder Strophe wiederholt oder vertieft den Inhalt des dritten Verses.

 

Die erste Strophe beschreibt das Zusammenspiel der Natur, wie es in der Romantik und in Märchen häufig aufgegriffen wird. Vom "süßen Schall" (V.3) der Nachtigall, die "die ganze Nacht gesungen" (V.2) hat, sind die Rosen erwacht und "aufgesprungen" und zeigen ihre ersten Blütenblätter. Die Nachtigall wird in der Literatur zudem oft mit der Liebe verbunden. Dies zeigt sich in dem Gedicht auch durch das Erwachen der Rosen, die ein weiteres Symbol für die Liebe sind.

 

In der zweiten Strophe bezieht sich Storm auf ein junges Mädchen, dass seine "wilden Jahre" hinter sich hat und nun besinnlich und nachdenklich durch die Straßen zieht (V.6-7). Sie scheint nichts mit sich anfangen zu können (V.10), "trägt in der Hand den Sommerhut" (V.8), der lieber auf ihrem Kopf sitzen sollte, doch sie lässt sich von der Sonne bescheinen (V.9).

 

Die dritte Strophe ist identisch mit der ersten Strophe. Diese Wiederholung im Anschluss an die zweite Strophe könnte sinnbildlich einen Vergleich des Mädchens und der Rosen einen. Denn ähnlich wie das Erwachen der Rosen, scheinen bei dem Mädchen die jungen, wilden Jahre nun vorbei zu sein. Sie entfaltet langsam ihre Blätter, zeigt jedoch noch keine Blüten. Da die Nachtigall und die Rosen symbolisch für die Liebe stehen, könnten auch die ersten Liebesgefühle des Mädchens erwachen, weshalb sie "tief in Sinnen" (V.7) geht und womöglich an ihren Geliebten denkt. Deswegen ist Storms "Nachtigall" kein "klassisches" Liebesgedicht, obwohl es durchaus mit der Symbolik des Genres arbeitet.

 

1817 in Husum geboren schrieb Theodor Storm bereits in der Schule erste Gedicht und Prosatexte. Übrigens handelt auch das erste ihm zugeschriebene Gedicht "An Emma" (1833), das er als 15-jähriger verfasste, vom Verliebtsein in jungen Jahren. Nach seinem Jurastudium in Kiel und Berlin, eröffnete er zunächst eine Anwaltskanzlei in Husum, jedoch wurde ihm die Advokatur aberkannt, weil er den Friedensschluss zwischen Preußen und Dänemark von 1850 öffentlich kritisierte. Nachdem er unruhige Zeiten in Potsam und Thüringen durchlebt hatte, kehrte er nach dem Sieg der Deutschen im Deutsch-Dänischen Krieg von 1864 nach Husum zurück und wurde zum Landvogt berufen. Theodor Storm starb am 4. Juli 1879 auf seinem Alterssitz in Hadermarschen/Holstein.

 

Storm repräsentiert den deutschen Realismus, auch wenn viele seiner Werke häufig der Welt- oder Heimatliteratur zugeordnet werden. Obwohl seine novellistischen Arbeiten überwiegen, sieht Storm sich selber als Lyriker, dessen Werke von einer lyrischen, schwermütigen Grundstimmung geprägt waren. Der "Schimmelreiter", seine wohl berühmteste Erzählung, erschien im April 1888 - nur wenige Monate vor Storms Tod.

 

Ein Gastbeitrag von kultürlich.

 


Puhstemuhme

Richard Dehmel

 

Krause, krause Muhme,

alte Butterblume,

Puhsterchen, nanu?

wo hast du denn dein Hütchen,

dein gelbes Federschütchen,

worauf wartest du?

 

Warte aufs Kindchen,

ich ein lieb Mündchen,

ich alte griese

Trauerliese,

puh, puh, puh.

Ach bitte, puhst mich doch

rasch in den Himmel hoch;

tausend kleine Nackedeis

spielen da im Gras,

tausend kleine Nackedeis

lachen sich da was!

 

 

Interpretation

Das Gedicht "Puhstemuhme" von Richard Dehmel beschreibt eine Sommerszenerie. Es ist in zwei Strophen aufgeteilt, die keine klassische Verszahl aufweisen und im zwei- bis vierhebigen Trochäus verfasst sind. Auch das Reimschema fügt sich keinem symmetrischen Muster, sondern beginnt in der ersten Strophe mit einem Schweifreim, den in der zweiten Strophe ein dreiteiliger Paarreim ablöst, welcher wiederum durch einen Einschub unterbrochen wird und dann mit einem Kreuzreim endet.

 

Die erste Strophe beginnt mit einer Anapher. Die "[k]rause, krause Muhme" (V.1), von der das Gedicht handelt, ist eine ältere deutsche Bezeichnung für "Tante". Aus dem folgenden Vers wird ersichtlich, dass die Gedichtsituation auf einer Blumenwiese zu verorten ist. Denn dort wird eine "alte Butterblume" (V.2) direkt angesprochen und dann eine Frage angeschlossen: "Puhsterchen, nanu?" (V.3). Es schein, als würde ein Kind die Unterhaltung führen, das daraufhin weiter fragt, wo das "Hütchen" (V.4) sei und worauf die Blume warte (vgl. V.6). Dies ist eine Metapher für den fruchtreifen Löwenzahn, dessen Blüte zuvor gelb war.

 

In der folgenden Strophe antwortet die dem Gedicht seinen Titel gebende "Puhstemuhme". Sie "[w]arte aufs Kindchen, auf ein lieb Mündchen" (V.7, 8). Dass die Pflanze selber zu sprechen scheint, wird aus dem Personalpronomen ersichtlich, so fährt sie fort: "Ach bitte, puhst mich doch" (V.12). Die Anapher "puh, puh, puh" (V.11) unterstreicht diese Aufforderung und bezieht den Leser durch die Formung des Mundes beim Lesen in diese Bitte ein. Der hier angedeutete Vorgang des Pustens der Schirmflieger ist nicht nur ein allseits bekanntes Kinderspiel, sondern auch notwendig zur Fortpflanzung des Löwenzahns, der sich so erst "rasch in den Himmel hoch" (V.13) und dann über eine Wiese hinweg verbreiten kann. Auf wen sich die "kleine[n] Nackedeis" (V.14, 16) in den folgenden Versen beziehen, wird nicht direkt ersichtlich. Denn einerseits wird "Nackedei" häufig als Kosename für Kinder verwendet, andererseits deutet die Zahl "tausend" (V.14, 16) darauf hin, dass es sich vielmehr um die Schirmflieger selber handeln muss, die sich im Gras verteilen. Sowohl durch die Personalpronomen als auch durch die gewählten Verben des Spielens und Lachens (vgl. 15, 17) liegt hier das stilistische Mittel einer Personifizierung vor. Zugleich erscheint es möglich, dass sich ein Kind selber mit sich in einem Monolog befindet und den Prozess des "Puhstemuhme" "[P]uhsten[s]" nacherzählt.

 

Richard Dehmel veröffentlichte das Gedicht "Puhstemuhme" 1908 im sechsten Band seiner "Gesammelten Werke". Der 1863 in Hermsdorf geborene Dichter udn Schriftsteller galt als einer der bedeutendsten Lyriker der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg. Der in erster Linie für sinnliche und erotische Lyrik bekannte Dichter verfasste seit Ende des 19. Jahrhunderts auch Kinderbücher und -lyrik. Er gilt als Wegbereiter expressionistischer Lyrik. Nachdem er sich 1914 freiwillig zum Kriegsdienst gemeldet hatte, starb Dehmel 1920 an den Folgen einer im Krieg zugezogenen Venenentzündung.

 

Ein Gastbeitrag von kultürlich.

 


Mailied

Johann Wolfgang von Goethe

 

Wie herrlich leuchtet

Mir die Natur!

Wie glänzt die Sonne!

Wie lacht die Flur!

 

Es dringen Blüten

Aus jedem Zweig

Und tausend Stimmen

Aus dem Gesträuch,

 

Und Freud' und Wonne

Aus jeder Brust.

O Erd'! O Sonne!

O Glück! O Lust!

 

O Lieb'! O Liebe!

So golden-schön,

Wie Morgenwolken

Auf jenen Höhn!

 

Du segnest herrlich

Das frische Feld,

Im Blütendampfe

Die volle Welt.

 

O Mädchen, Mädchen,

Wie lieb' ich dich!

Wie blickt dein Auge!

Wie liebst du mich!

 

So liebt die Lerche

Gesang und Luft,

Und Morgenblumen

Den Himmelsduft,

 

Wie ich dich Liebe

Mit warmem Blut,

Die du mir Jugend

Und Freud' und Mut

 

Zu neuen Liedern

Und Tänzen gibst.

Sei ewig glücklich,

Wie du mich liebst!

 

Interpretation

Goethes Gedicht "Mailied", in früheren Werken auch noch "Maifest" genannt, besteht aus neun Strophen mit vier Versen. Bis auf die zweite Strophe weist das Gedicht ein Reimschema nach dem Muster abcb auf, ein einheitliches Metrum gibt es nicht.

 

Die ersten drei Strophen handeln von der Beschaffenheit der Natur, empfunden durch das lyrische Ich. Die dritte Strophe leitet zum Leitthema Liebe über, was im folgenden Teil des Gedichts behandelt wird. In den Strophen vier bis sechs geht es aber nicht mehr um die Liebe an sich, sondern um ein bestimmtes Mädchen, welches das lyrische Ich liebt. Dies zieht sich auch durch die letzten drei Strophen.

 

Durch Wörter und Beschreibungen wie "herrlich leuchtet" (V.1) , "glänzt" (V.2), "golden-schön" (V.14) und "Himmelsduft (V.28) wird eine positive, warme und fröhliche Stimmung erzeugt. Die für Goethe so typischen Ausrufe "O Erd'! O Sonne! O Glück! O Lust! O Lieb'! O Liebe! (V.11-13) vermitteln eine gewisse Ausgelassenheit, die dem lyrischen Ich die Worte zu rauben schein. Die wenigen Wörter vermitteln die starken Glücksgefühle des lyrischen Ichs. Die drei Verse kann man außerdem als Klimax verstehen. Dies zeigt die Verbindung von Natur und Liebe, mit der im ganzen Gedicht gespielt wird.

 

Die Liebe scheint vollkommen, so wie die Natur. Betrachtet man das Gedicht aber aus folgendem Blickwinkel, wirkt die Stimmung eher bedrückend. Goethe erlebte selbst die Liebe, empfand sie als "leicht" und maß ihr keine große Bedeutung zu. Hilde Spiel, österreichische Schriftstellerin und Journalistin, bezeichnet diese Liebe in ihrer Interpretation als dauerhafte Neigung, aber nicht als richtige Liebe. Man könnte die explosive, betörende Liebe auch mit den Jahreszeiten vergleichen. So schnell der Frühling kommt, die Natur erwacht und alles blüht, so schnell wird auch alles wieder welk und kahl und so schnell vergeht auch Goethes Liebe.

 

Johann Wolfgang von Goethe wurde 1749 in Frankfurt am Main geboren und starb 1832 in Weimar. Der Durchbruch gelant ihm 1774 mit seinem Roman "Die Leiden des jungen Werther" und dem Drama "Götz von Berlichingen". Im Alter von 26 Jahren kam er an den Hof von Weimar und lebte dort bis zu seinem Tod. 1782 wurde Goethe von Kaiser Joseph II. geadelt, erst seitdem trug er das Wort "von" in seinem Nachnamen. 1806 heiratete er Christiane Vulpius, mit der er fünf Kinder bekam, wovon jedoch nur das Älteste überlebte. Im gleichen Jahr erschien sein Werk "Faust", 1831 erschien davon der zweite Teil. Zwei Mal reiste Goethe nach Italien, was ihn künstlerisch sehr prägte. Nach seiner zweiten Italienreise arbeitete er eng mit Friedrich Schiller zusammen. Die Werke werden heute als "Weimarer Klassik" bezeichnet und bilden einen Meilenstein in der deutschsprachigen Literatur.

 

Goethe pflegte über die Jahre Beziehungen mit verschiedenen Frauen. Besonders bedeutsam war die innige Beziehung zu Charlotte von Stein, die sich in 1770 Briefen und Gedichten Goethes widerspiegelt. Jedoch handelte es sich (nach jetzigem Stand der Forschung) um eine platonische Liebe, da von Stein verheiratet war. Weitere Frauenbekanntschaften, die Einfluss auf Goethes Werke nahmen waren, u.a. Charlotte Buff ("Die Leiden des jungen Werther"), Wilhelmine Herzlieb ("Sonette") und Anna Katharina Schönkopf ("Die Laune des Verliebten").

 

Das Gedicht "Mailied" ist Teil der Sesenheimer Lieder und richtet sich an die Pfarrerstochter Friederike Brion, die er während seines Studiums in Straßburg kennenlernte.

 

Ein Gastbeitrag von kultürlich.

 


Frühling

von Theodor Fontane

 

Nun ist er endlich kommen doch

In grünem Knospenschuh;

"Er kam, er kam ja immer noch",

Die Bäume nicken sich's zu.

 

Sie konnten ihn all erwarten kaum,

Nun treiben sie Schuss auf Schuss;

Im Garten der alte Apfelbaum,

Er sträubt sich, aber er muss.

 

Wohl zögert auch das alte Herz

Und atmet noch nicht frei,

Es bangt und sorgt: "Es ist erst März,

Und März ist noch nicht Mai."

 

O schüttle ab den schweren Traum

Und die lange Winterruh':

Es wagt es der alte Apfelbaum,

Herze, wag's auch du.

 

 

Interpretation

Das Gedicht "Frühling" von Theodor Fontane gliedert sich in vier Strophen mit je vier Versen, die einen Kreuzreim aufweisen. Dieser verleiht dem Gedicht einen melodischen Rhythmus.

 

Die erste Strophe thematisiert das Erwachen des Frühlings, das durch den "grünen Knospenschuh" (V.2) dargestellt wird. Erste grüne Zweige und Blätter zeigen sich. "Die Bäume nicken sich's zu" (V.4), dass der Frühling nun da ist, denn "er kam, er kam ja immer noch" (V.3), wie in jedem Jahr. Das Wort "endlich" im ersten Vers macht die Vorfreude auf die neue Jahreszeit deutlich.

 

Voller Erwartung und Vorfreude fangen die Bäume an zu sprießen, jedoch sträubt sich "im Garten der alte Apfelbaum" (V.7). Doch auch er muss bald erblühen. In der dritten Strophe wehrt sich auch "das alte Herz" (V.9) gegen den Frühling und die damit verbundenen Veränderungen und Neuanfänge, denn es ist erst März und noch nicht Mai (V.8-9). Doch schließlich muss ein jeder den Winter abschütteln, der als "schwerer Traum" (V.13) dargestellt wird. Denn "die lange Winterruh'" (V.14) ist nun vorbei. Nachdem es der alte Apfelbaum im Garten schlussendlich auch gewagt hat, ist nun das Herz an der Reihe, welches direkt angesprochen wird: "Herze, wag's auch du." (V.16). 

 

Insgesamt erzeugt das Gedicht eine vorfreudige Stimmung auf den Frühling, der für einen Neuanfang steht. Die Bäume ermutigen sich gegenseitig, die Winterruhe zu beenden und zu erblühen. Sie können als Stellvertreter für alle Lebewesen und Pflanzen betrachtet werden. Auch der Mensch soll zu einem Neuanfang ermutigt werden.

 

Heinrich Theodor Fontane wurde am 30. Dezember 1819 in Neuruppin geboren. Seine Eltern waren der Apotheker Louis Henry Fontane und Emilie Fontane. Nachdem er das Friedrich-Wilhelms-Gymnasium in Neuruppin besucht hatte, ging er zur Gewerbeschule von Karl Friedrich Klöden in Berlin, brach die Ausbildung jedoch 1836 ab und begann seine Lehre zum Apotheker. Nachdem er einige Stellen als Apothekergehilfe angetreten hatte (1840-1844), leistete er vom 1. April 1844 bis zum 31. März 1845 seinen Militärdienst als Freiwilliger ab. Am 8. Dezember 1845 verlobte er sich mit Emilie Rouanet-Kummer. Die Hochzeit folgte am 16. Oktober 1850. Zu dieser Zeit hatte Fontane seinen Beruf als Apotheker aufgegeben und arbeitete zunächst als freier Schriftsteller. Daraufhin folgten Anstellungen für die "Centralstelle für Preßangelegenheiten" (1851), die Vossische Zeitung (1870) und die Neue Preußische (Kreuz-)Zeitung (1851). Fontane widmete sich immer wieder seinen Reiseberichten, die von großem öffentlichen Interesse waren, da sich nur wenige Menschen das Reisen leisten konnten. Theodor und seine Frau Emilie bekamen sieben gemeinsame Kinder, von denen drei Söhne kurz nach der Geburt starben. Am 20. September 1898 starb Heinrich Theodor Fontane in Berlin an einer Gehirnischämie.

 

Fontane war nicht nur als Verfasser von Reiseliteratur und Journalist bekannt. Er gilt als wichtigster Vertreter des literarischen Realismus. In seinen Werken finden sich häufig gesellschaftskritische Elemente und Ironie wieder. Seine bekanntesten Werke sind die Romane "Effie Briest", "Der Stechlib" und "Irrungen, Wirrungen".

 

Ein Gastbeitrag von kultürlich.


Sorge nie, daß ich verrate

von Heinrich Heine

 

Sorge nie, daß ich verrate

Meine Liebe vor der Welt,

Wenn mein Mund ob deiner Schönheit

Von Metaphern überquellt.

 

Unter einem Wald von Blumen

Liegt, in still verborgner Hut,

Jenes glühende Geheimnis,

Jene tiefe geheime Glut.

 

Sprühn einmal verdächtge Funken

Aus den Rosen - sorge nie!

Diese Welt glaubt nicht an Flammen,

Und sie nimmts für Poesie.

 

 

Interpretation

In dem Gedicht "Sorge nie, daß ich verrate" berichtet Heinrich Heine in drei Strophen mit je vier Versen von einer heimlichen Liebe zwischen dem Ich-Erzähler und seiner Angebeteten. Das Gedicht weist kein klassisches Reimschema auf, allein die jeweils zweiten und vierten Verse einer jeweiligen Strophe sind im Reim verfasst. Rhythmisch wechselt sich das Metrum zwischen einem vier- und dreihebigen Jambus ab, so auch die Kadenz, die mit einer männlichen beginnt und der eine weibliche folgt.

 

Die erste Strophe leitet mit einer Anrede an eine nicht genauer benannte Person in das Gedicht ein. "Sorge nie, daß ich verrate" (V.1), heißt es dort und endet mit einem Emjambement, um dann in der folgenden Strophe fortzufahren. Die Unterbrechung des Satzes steigert die empfundene Notwendigkeit des Geheimnisses um die Liebe des Ich-Erzählers zu der Unbekannten, die er "vor der Welt" (V.2) zu verbergen versucht. Zugleich scheinen seine Gefühle so stark, dass er seine Worte der Zuneigung nicht zurückhalten kann. Das macht auch die Hyperbel der folgenden Verse deutlich: "Wenn mein Mund ob deiner Schönheit [v]on Metaphern überquellt" (V.3f). Wie schon zuvor, sind auch diese beiden Verse durch ein Enjambement verbunden, womit der benannten Schönheit eine besondere Betonung zukommt.

 

Auch die rhetorische Figur des fünften Verses der darauffolgenden Strophe ist eine Hyperbel, durch die bildhafte Beschreibung jedoch gleichfalls eine Metapher. So heißt es, "[u]nter einem Wald von Blumen [l]iegt" (V.5f), wodurch zudem erneut ein Enjambement auftritt. Nochmals untermauert der Ich-Erzähler die Relevanz der Geheimhaltung ihrer Liebe, wenn "[j]enes glühende Geheimnis" (V.7) "in still verborgner Hut" (V.6) liegt. Die "Hut" ist ein veralteter Begriff für einen Forstbezirk, gleichwohl ist es eine Bezeichnung aus der Fechtkunst, die die Ausgangsposition meint und von der sich die Redewendung "auf der Hut sein" ableitet.  In diesem Zusammenhang wohnt der Situation eine bedrohliche Atmosphäre inne, scheint doch die Angst des Ich-Erzählers, dass seine Liebe entdeckt werden könne, groß. Die metaphorische Alliteration des "glühende[n] Geheimnis[ses]" (V.7) ist in Verbindung mit den sich wiederholenden Stilmitteln der "geheime[n] Glut" (V.8) durch die der Überkreuzstellung gleicher Wörter ebenfalls ein Chiasmus. Die Eingänglichkeit der beiden Verse durch die Vielzahl an rhetorischen Mitteln unterstreicht auch hier noch einmal die Ausdrucksstärke des Ich-Erzählers.

 

Die Metaphorik des brennenden Verlangens greift Heine auch in der letzten Strophe auf. So heißt es in den ersten beiden Versen der dritten Strophe. "Sprühn einmal verdächtge Funken [a]us den Rosen" (V.9f). Die Rose versteht sich als Symbol der Liebe und Leidenschaft, birgt wegen ihrer Dornen jedoch auch immer die Andeutung von Gefahr. Dennoch bittet der Ich-Erzähler seine Liebe, sich nie zu sorgen (vgl. V.10) und wiederholt somit die Aufforderung des ersten Verses. Denn "[d]iese Welt glaubt nicht an Flammen, [u]nd sie nimmts für Poesie" (V.11f), begründet er seine beruhigenden Worte und meint damit symbolträchtig die brennende Liebe der beiden. Heine deutet so die Unfähigkeit der Menschen an, wahre Liebe zu empfinden und zu erleben, sondern sie allein in schöne Worte zu verpacken und auch auf diese zu beschränken.

 

Das Gedicht "Sorge nie, daß ich verrate" ist 1844 in dem Sammelband "Neue Gedichte" erschienen. Der Schriftsteller und Journalist Heinrich Heine (1797-1856) gilt als letzter Dichter der Romantik - der Epoche, die sich zwischen dem Ende des 18. Jahrhunderts und bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts durch das künstlerische und literarische Bestreben nach Natürlichkeit und Individualisierung sowie der Abkehr von klassischen Kunstformen auszeichnete. Aus der beginnenden Industrialisierung sowie einer zunehmenden Urbanisierung und den einzwängenden gesellschaftlichen Konventionen folgerten viele Kunstschaffende und Literaten eine Entfremdung der Bevölkerung.

 

Selbst private Bereiche oblagen strengsten Vorstellungen, wodurch eine freie, sorglose Liebe nur bedingt möglich schien. Auch Heine erfuhr gesellschaftliche Ächtung in dieser Hinsicht, nachdem er sich in die Schuhverkäuferin und somit in ein Mädchen von niederem Stand namens Augustine Crescence Mirat, genannt Mathilde, verliebt hatte. Von geringer Bildung, berufstätig und lebenslustig, entsprach sie nicht den Ansprüchen einer ehrbaren Frau dieser Zeit. Der Kritik und Ablehnung seines Umfeldes und zahlreichen Beziehungskrisen zum Trotz, heiratete Heine seine Mathilde im Jahr 1841, nachdem sie bereits sieben Jahre zusammen gelebt hatten - damals noch ein Skandal - und blieb bis zu seinem Tod im Jahr 1856 mit ihr zusammen.

 

Ein Gastbeitrag von kultürlich.

 


Gewitternacht

von Dieter Wyss

 

Sieh doch, ein herbes Geblitz hat seine Entsprechung ermöglicht, die Sträucher, die trotzig dem Himmel entwuchern. Ich habe ihr Dickicht errungen, um nicht mehr zu straucheln, und meine Zunge gerüstet, den Geschmack ihrer Aussagen zu vereiteln.

 

Denn so ausgesetzt gerate ich leicht in eines Blitzes Kralle, die duldsamer ist als jene der Einsamkeit. Aber unbeschadet, mit der Sorgfalt jäh gespaltener Augen, erwerbe ich der Eidechse Zucken, bewohne ich das verzweigte Lächeln des Schmerzes, es nutzbar zu machen für mein ununterbrochen zartes Gedicht. Wie du siehst: Es bedarf keiner Axt mehr errettet zu werden.

 

Diese Erkenntnis verdanke ich jenem Geäder, das, durch die Erleuchtung geboren, an ihr zugrunde ging. Die ungezähmte Jagd meines Blutes, die mitsamt ihren Hörnern verschollen ist, wird in deinem Schoß, Geliebte, bloßliegen.

 

Wir sind die Vertrauten eines Gefüges aus Fahrlässigkeit und seine verschämten Bezwinger.

 

 

Interpretation

Das Gedicht "Gewitternacht" von Dieter Wyss ist dem Surrealismus zuzuordnen. Es erschien im Jahr 1995 in dem Gedichtband "Aus zerstäubten Steinen. Texte deutscher Surrealisten" im Aachener Rimbaud Verlag, herausgegeben von Bernhard Albers. Von einer Bindung in Strophen kann man in diesem Gedicht nicht sprechen. Auch sind die Absätze nicht in Verse gegliedert und nicht mit Metren, Reimen oder anderen formalen Stilmitteln versehen. In dieser vollkommenen Loslösung von jeglichen formalen Regeln der Lyrik spiegelt sich ein Leitmotiv des Surrealismus wieder. Dabei gilt es, die Darstellungsmittel hinter den Bildinhalten zurückzustellen und so einen unvoreingenommenen Blick auf die Wirklichkeit freizugeben, der nicht von kulturell geformten Konventionen getrübt ist.

 

Inhaltlich handelt das Gedicht von einem Gewitter mit "herben" Blitzen. Im übertragenen Sinne lassen sich die Gewitterphänomene mit den kognitiven Fähigkeiten des Menschen gleichsetzen. Mit den Blitzen, die wie "Sträucher [...] dem Himmel entwuchern" sind die Synapsen des Gehirns gemeint. Denn die Kommunikation zwischen den Neuronen geschieht mittels elektrischer Impulse über die zentralen Schaltstellen der Informationsübertragung im Gehirn. Dass das lyrische Ich das Dickicht dieser Sträucher errungen hat, um nicht mehr zu straucheln und seine Zunge zu rüsten, bedeutet in diesem Zusammenhang, dass es sich Wissen angeeignet hat, was ihm Stabilität und Redegewandtheit verleiht.

 

Des "Blitzes Kralle" in die das lyrische Ich leicht gerät, ist sinnbildlich für einen Geistesblitz, der es vor der Einsamkeit bewahrt. Dabei bleibt das lyrische Ich "unbeschadet" und mit den "jäh gespaltene[n] Augen" sieht es womöglich in zwei unterschiedliche Realitäten, vielleicht in eine wissenschaftliche und poetische, und macht das "verzweigte Lächeln des Schmerzes" nutzbar für sein ununterbrochen zartes Gedicht". Indem das lyrische Ich ein Lächeln im Schmerz findet, weil er ihn lyrisch verarbeiten kann, ist es weitestgehend frei, sodass kein schweres Werkzeug wie eine "Axt" mehr nötig ist, es zu erretten.

 

Die ungezähmte Jagd seines Blutes, die in Verbindung mit den Hörnern für triebhafte Fruchtbarkeit steht, wird erst im Schoß seiner Geliebten bloßliegen. Zusammenfassend lässt sich dazu sagen, dass sich das Gedicht sowohl auf die Innenwelt als auch auf die innere Physiologie des Menschen konzentriert, auf die kognitiven Fähigkeiten, die zu Erkenntnissen führen, auf den Schmerz, den manch eine Erkenntnis mit sich bringt, aber auch auf seine Verarbeitung in der Lyrik. Im dritten Absatz fügen sich Erkenntnis und Erleuchtung, zwei Phänomene, die den Verstand erhellen, und die verschollene Triebhaftigkeit zusammen. Dabei bedingt das Eine das Andere und so spiegelt es sich auch in dem letzten, etwas widersprüchlichen Satz des Gedichts wieder. Die Fahrlässigkeit erregender Geistesblitze wird verschämt bezwungen, wo sie doch eigentlich der Triebhaftigkeit zugesprochen wird.

 

Dieter Wyss wurde am 21. Dezember 1923 als Sohn eines Diplomaten und einer Schriftstellerin in Äthiopien geboren, wo sein Vater als deutscher Gesandter arbeitete. Seine Studien der Medizin und Philosophie absolvierte Wyss in Berlin, Rostock und Heidelberg. Später arbeitet er als Assistent für Viktor von Weizsäcker. Dieser hat die psychosomatische Medizin begründet und ist der Onkel des ehemaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker. Seine medizinische Karriere gestaltete Wyss durch seine Arbeit als Psychotherapeut, als Ordinarius für Medizinische Psychologie und als Anthropologe. Als Lyriker veröffentlichte er vier Gedichtbände, außerdem das Buch "Lieben als Lernprozeß" sowie ein Buch über den Surrealismus.

 

Ein Gastbeitrag von kultürlich.

 

 


Das Weihnachtsbäumlein

von Christian Morgenstern

 

Es war einmal ein Tännelein

mit braunen Kuchenherzlein

und Glitzergold und Äpflein fein

und vielen bunten Kerzlein:
Das war am Weihnachtsfest so grün

als fing es eben an zu blühn.

 

Doch nach nicht gar zu langer Zeit,

da stands im Garten unten,

und seine ganze Herrlichkeit

war, ach, dahingeschwunden.

Die grünen Nadeln war'n verdorrt,

die Herzlein und die Kerzlein fort.

 

Bis eines Tags der Gärtner kam,

den fror zu Haus im Dunkeln,

und es in seinen Ofen nahm - 

Hei! Tat's da sprühn und funkeln!

Und flammte jubelnd himmelwärts

in hundert Flämmlein an Gottes Herz.

 

 

 

Interpretation

Das Gedicht "Das Weihnachtsbäumlein" von Christian Morgenstern gliedert sich in drei Strophen mit je sechs Versen mit Kreuzreim am Ende des Verses und erzählt die Wandlung von einer Tanne zum Weihnachtsbaum bis zum Holzfeuer.

 

In der ersten Strophe wird beschrieben, wie weihnachtlich geschmückt die Tanne ist: Mit "Kuchenherzlein" (V.2), "Glitzergold und Äpflein fein und vielen bunten Kerzlein" (V.3-4). Durch den Diminutiv bekommt das Gedicht in der ersten Strophe einen liebevollen Klang. Die Tanne erstrahlt an Weihnachten in vollem Glanz und sieht aus wie frisch erblüht (V.6).

 

Doch schon in der zweiten Strophe wird deutlich, dass der Baum nach den Weihnachtstagen seinen Glanz verloren hat und draußen im Garten steht, denn "seine ganze Herrlichkeit war, ach, dahingeschwunden." (V.9-10). Der Ausruf "ach" verleiht Nachdrücklichkeit, aber auch Bedauern über den Zustand der Tanne, die ihre Herrlichkeit verloren hat. Seine schönen grünen Nadeln sind "verdorrt" (V.11) und der Weihnachtsschmuck aus Herzen, Äpfeln und Kerzen ist verschwunden.

 

Die dritte Strophe zeigt schließlich, dass die Tanne doch noch eine letzte Bestimmung findet, denn der Gärtner von nebenan nimmt sie mit, weil es ihn "fror zu Haus im Dunkeln" (V.14). Und "Hei! Tat's da sprühn und funkeln!", als das Holz der Tanne den Ofen erwärmte. 

 

Thema und Aussage des Gedichts liegen ganz in der Tradition der Humoresken aus der Feder Morgensterns. Ein christlicher Brauch wird einem praktischen Nutzen zugeführt. 

 

Christian Otto Josef Wolfgang Morgenstern wurde am 6. Mai 1871 in München als Sohn der Landschaftsmaler Carl Ernst und Charlotte Morgenstern geboren. Seinen Namen erhielt er von seinem Großvater, der auch ein berühmter Maler war. Morgenstern wuchs nach dem Tod seiner Mutter 1881 bei seinem Paten in Hamburg auf, jedoch kehrte er nach München zurück und besuchte ein Internat in Landshut. Später besuchte er das Maria-Magdalena-Gymnasium in Breslau sowie ab Herbst 1889 die Militär-Vorbildungsschule, da sein Vater eine Offizierslaufbahn für ihn vorgesehen hatte. Jedoch besuchte Morgenstern stattdessen nach einem halben Jahr ein Gymnasium in Sorau. Es folgte das Studium der Nationalökonomie in Breslau. 

 

Neben Anstellungen in der Nationalgalerie (1894), beim S. Fischer Verlag als Übersetzer (1897) und im Verlag von Bruno Cassirer als Lektor (1903) erschien sein erstes Buch, der Gedichtzyklus "In Phanta's Schloss", im Jahre 1895. Morgensterns berühmter Gedichtband "Galgenlieder" erschien 1905. Sein Leben war geprägt von seiner Tuberkulose, die er mit zahlreichen Kuraufenthalten zu lindern versuchte. Eine Reise führte ihn nach Norwegen (1898-99). Er lernte die norwegische Sprache und übersetzte für S. Fischer die Werke Ibsens und Hamsuns. Nach seinem Tod am 31. März 1914 veröffentlichte seine Frau Margareta weitere Werke Morgensterns, die bis heute im Deutschen Literaturarchiv und im Literaturmuseum der Moderne in Marbach zu finden sind. 

 

Christian Morgenstern pflegte über Jahre Freundschaften und Kontakte zu Friedrich Kayssler, Fritz Bebau, Rudolf Steiner, Reinhard Piper und Michael Bauer.

Ein Gastbeitrag von kultürlich.

 

 


Bild:  kultürlich Lyrik Club der mausetoten Dichter Ada Christen Fack ju Schilla Göhte Goethe Elyas M'Barek Gedicht Gedichtinterpretation Deutsch Interpretation Schülerhilfe Nach Jahren Dichterin

Nach Jahren

von Ada Christen

 

Wie seltsam! Unser feiger Muth

Läßt alle Schmerzen uns tragen;

O hätten wir doch den rechten Muth,

Das lösende Wort zu sagen.

 

Wir laufen neben einander her

Und werden müder und müder;

Ich werde blässer und kränker stets

Und du wirst kälter und rüder.

 

O raffe dich auf und fasse Muth

Und sei zum letzten Mal ein Mann.

Brich du mit einem Wort entzwei,

Was ich nicht länger tragen kann!

 

 

 

 

Interpretation

Das Gedicht ist in drei Strophen unterteilt, die je vier Verse im vierhebigen Jambus enthalten. Während die erste Strophe durch einen Kreuzreim sehr systematisch ist, wird dieser Reim in den beiden folgenden Strophen unterbrochen.

 

Die erste Strophe beginnt mit einem Ausruf des Erstaunens ("Wie seltsam!", V.1), gleich einer plötzlichen Erkenntnis. "Unser feiger Muth" (V.1) ist es, worüber der Ich-Erzähler sich wundert. Und auch der Leser wird durch das Oxymoron irritiert. Denn ein Enjambement unterteilt die Aussage, sodass erst der zweite Vers Aufschluss über die thematische Einordnung des Gedichtes gewährt. Von "Schmerzen" (V.2) ist hier die Rede, die zahlreiche ("alle" V.2) sein müssen und doch "[ge]tragen" (V.2) werden, da der "rechte[...] Muth" (V.3) fehlt, "[d]as lösende Wort" zu sagen" (V.4). Doch noch erfährt der Leser nicht, um welches Wort es sich handeln oder wie er die beschriebene Situation einordnen muss.

 

Die zweite Strophe liefert etwas mehr Klarheit. Der Ich-Erzähler eröffnet der unbenannten Person ihr Anliegen. Das "neben einander her[laufen]" (V.5) bezieht sich gleichermaßen auch auf ein Nebeneinanderherleben, das so unerfüllend ist, dass sie "müder und müder" (V.6) werden. Die Anapher "müder" (V.6) dient nicht nur als eine Verstärkung der Aussage, sondern zugleich als Metapher, wenn sie statt einer körperlichen vor allem eine psychische Müdigkeit meint. Doch eben diese wirkt sich auf auf die Gesundheit des Ich-Erzählers aus, so wird er "blässer und kränker stets" (V.7). Auch auf dem Angesprochenen hat die gemeinsame Zeit ihre Spuren hinterlassen, denn er wurde "kälter und rüder" (V.8).

 

Die dritte Strophe eröffnet schließlich eine Auflösung der Situation. Sie ist eine Aufforderung an den Angesprochenen, mit allem "Muth" (V.9) "zum letzten Mal ein Mann" (V.10) zu sein und "mit einem Wort entzwei" zu brechen (V.11), was der Erzähler "nicht länger tragen kann" (V.12). So wird aus dem unbekannten Erzähler eine Erzählerin und aus der nicht näher bestimmten Eingangssituation die Trennung eines Paares. "Nach Jahren", so zeigt es der Titel, bittet die Frau ihren Mann diese Bindung zu lösen, unter der beide leiden und die schließlich in der Entfremdung der beiden Personen gipfelte.

 

Ada Christen wurde 1839 in Wien geboren. Sie wuchs in ärmlichen Verhältnissen auf und war früh auf sich allein gestellt, sodass sie sich in Jugendjahren einem Wandertheater anschloss. Auch die darauffolgenden Jahre waren von privaten Schicksalsschlägen geprägt, sodass sie in den 1860er Jahren mit dem Schreiben begann, um ihre Erfahrungen zu verarbeiten. 1868 veröffentlichte Christen ihren ersten Gedichtband. "Lieder einer Verlorenen" war durch seine provokanten und sozialkritischen Inhalte ein wahrer Erfolg innerhalb der einfachen Bevölkerung.

 

Auch das Gedicht "Nach Jahren", was heute wie eine normale Verarbeitung einer missglückten Beziehung erscheint, ist für die damalige Zeit ein Beweis für die von Christen angestrebte Sozialkritik. Unzufriedenheit in einer Ehe anzusprechen, sich mehr zu erhoffen als eine rein materielle Versorgung und mit den Folgen einer gescheiterten Partnerschaft umzugehen, waren im 19. Jahrhundert weithin tabuisierte Themen. Obgleich auch hier nicht die Frau aus eigenen Stücken bereit scheint zu gehen, sondern den Mann um den ersten Schritt zur Trennung bitten muss, ist das Gedicht dennoch Beleg eines sich verändernden Verständnisses über die Rolle der Frau, der Ehe und des sozialen und familiären Zusammenlebens.

Christen starb am 19. Mai 1901 nach langem Nervenleiden in Inzersdorf.

 

Ein Gastbeitrag von kultürlich.

 


Else Lasker- Schüler Traumdeutung Sigmund Freud Sphinx Gedicht Interpretation Schülerhilfe Deutschstunde

Sphinx

von Else Lasker-Schüler

 

Sie sitzt an meinem Bette in der Abendzeit

Und meine Seele tut nach ihrem Willen,

Und in dem Dämmerscheine, traumestillen,

Engen wie Fäden dünn sich ihre Glanzpupillen

Um ihrer Sinne schläfrige Geschmeidigkeit.

 

Und auf dem Nebenbette an den Leinennähten

Knistern die Spitzenranken von Narzissen,

Und ihre Hände dehnen breit sich nach dem Kissen,

Auf dem noch Träume blühn aus seinen Küssen,

Herzsüßer Duft auf weißen Beeten.

 

Und lächelnd taucht die Mondfrau in die Wolkenwellen

Und meine bleichen, leidenden Psychen

Erstarken neu im Kampf mit Widersprüchen.

 

 

Interpretation

Das Gedicht Sphinx von Else Lasker-Schüler erschien 1905 in dem Gedichtband "Der siebente Tag". Die Sphinx ist ein rätselhaftes Wesen mit dem Kopf einer Frau und dem Körper einer Löwin. Sie stammt ursprünglich aus der ägyptischen Mythologie, jedoch ist ihre Bedeutung weitestgehend unbekannt. Wahrscheinlich trat sie als Wächterin für Tempel und Grabstätten in Erscheinung. Die griechische Mythologie übernahm die Sphinx und schrieb ihr eine eigene Bedeutung zu. Sie erhielt von den Musen ein Rätsel, das sie den Menschen stellte. Jeder, der es nicht lösen konnte, wurde von ihr verschlungen.

 

In dem vorliegenden Gedicht sitzt "sie" (V.1), die womöglich die Sphinx ist, am Bett des lyrischen Ich. Es ist Abend, es dämmert und es ist still. Die Pupillen der Sphinx "Engen wie Fäden dünn sich" (V.4). Dieses Phänomen tritt normalerweise bei kleinen Katzen auf, wenn helles Licht auf ihre Augen trifft, nicht jedoch bei Großkatzen wie Löwen. Im Dämmerlicht sind die Pupillen der Katze, wie die des Menschen, geweitet, ebenso wenn sie jagen. Das sie sich hier zu Fäden verdünnen, mag der "schläfrige[n] Geschmeidigkeit" (V.5) geschuldet sein und kann darauf hinweisen, dass sie eine Jagd nicht beabsichtigt.

 

Auf dem Nebenbett, an den Leinennähten der Bettwäsche, befinden sich "Spitzenranken von Narzissen" (V.7). Sie mögen auf ein eitles Haupt hinweisen, das sich darauf bettet. Denn die Narzissen haben einer Sage nach ihren Namen von dem selbstverliebten Schönling Narziss. Die Hände, die sich "breit [...] nach den Kissen" (V.8) dehnen, können wir uns als Tatzen denken, wie wenn Katzen ihre strecken und dabei die Krallen ausfahren. In der dritten und letzten Strophe taucht die "Mondfrau" (V.11) lächelnd "in die Wolkenwellen", sie schläft also ein. Derweil bleibt das lyrische Ich mit "leidenden Psychen" und "im Kampf mit Widersprüchen" zurück (V.12f) und legt die Vermutung nahe, dass es das Rätsel der Sphinx nicht lösen konnte.

 

Wie die Sphinx ist auch Lasker-Schülers Gedicht rätselhaft. Denn die reichhaltigen Phantasiebilder erschweren eine eindeutige Interpretation. Als ein weiterführender Analyseansatz kann zum Beispiel die psychoanalytische Literaturinterpretation angewendet werden. Denn die Theorien der Psychoanalyse sowie ihr Grundlagenwerk, die Traumdeutung des Neurologen Sigmund Freud waren rege diskutierte Themenfelder in der damaligen Zeit.

 

Diverse Literaturinterpretationen beschäftigen sich mit dem Einfluss der Psychoanalyse auf die Werke der Moderne, unter anderem auch mit den Erzeugnissen Lasker-Schülers. Dabei gehen die Interpretationen zum Beispiel den Fragen nach, inwieweit die Schriftsteller und Dichter ihre gewonnenen Kenntnisse über die Psychoanalyse in ihren Werken verarbeitet haben. Oder sie versuchen die Psyche des Autors mittels der psychoanalytischen Ansätze zu analysieren. Freud ging nämlich davon aus, dass sich das Unbewusste des Dichters in dem Unbewussten der literarischen Figuren wiederfindet und dass es Parallelen zwischen der Dichtung und den Träumen der Dichter gibt. Genauer gesagt soll ein literarisches Werk den erinnerten Trauminhalten und Wünschen entsprechen, die zum Beispiel durch Symbolisierungen so verschlüsselt werden, dass die ursprünglichen Wunschphantasien nicht auf Anhieb zu erkennen sind. Eine typische Einstellung ist zum Beispiel die Aufspaltung der Figuren in mehrere, beziehungsweise einer Persönlichkeit in ihre unterschiedlichen Persönlichkeitsaspekte.

 

Unter Bezugnahme der Sphinx fällt auf, dass die Figurenkonstellation nicht ganz eindeutig ist. Es gibt "sie" (V.1), die wahrscheinlich die Sphinx ist und hier metaphorisch für eine Frau mit einem rätselhaften Charakter stehen kann. Es gibt ein Ich, dessen Seele nach dem Willen der Sphinx "tut" (V.2). Es gibt ein "er", aus dessen Küssen noch die Träume blühen (vgl. V.9) und es gibt die "Mondfrau". Dazu wird nicht deutlich, um wen es sich bei dem lyrischen Ich handelt. Ist es ein Mann? Ist es eine Frau? Auch wie das lyrische Ich und "sie" zueinander stehen ist rätselhaft. Sind sie Freundinnen? Oder gar Ehemann und Ehefrau? Ist "er" "ihr" Geliebter? Ist "sie" auch die Mondfrau und ist damit auch die Sphinx gemeint?

 

Allein die Verwendung des Begriffes "Mondfrau" lässt zahlreiche Interpretationsmöglichkeiten zu, denn der Mond ist ein Symbolträger für viele Zusammenhänge, für die Nacht, für ständige Erneuerung, für Niedergang und Geburt, für Fruchtbarkeit und Trost. Eine mögliche Interpretation aus der psychoanalytischen Perspektive kann also sein, dass es sich bei der Sphinx und bei der Figur, die als "sie" benannt wird sowie der "Mondfrau" um die verschiedenen Persönlichkeitsaspekte ein und derselben weiblichen Figur handelt. Schlüssig wird diese Annahme vor allem dann, wenn man in Betracht zieht, dass das lyrische Ich ein Mann ist. Allerdings kann das lyrische Ich durchaus auch ein übergeordneter Persönlichkeitsaspekt der Sphinx-Mondfrau-Frau sein.

 

Elisabeth (Else) Lasker-Schüler (1869-1945) war nicht nur in der Literatur der Bohème unterwegs, sie war auch eine bedeutende Vertreterin des literarischen Expressionismus. Dabei handelt es sich um eine Strömung, die aus der Bohème erwuchs und zwischen den Jahren 1910 und 1920 aufblühte. Während sich die Bohème in einer romantischen, apolitischen und ganz unprogrammatischen Mentalität verlor, nahmen die Expressionisten durchaus Stellung. So forderte zum Beispiel die Arbeitsgemeinschaft Dresden ihre Symphatisanten dazu auf, ihre Proteste mittels Kunst zu kommunizieren.

 

Lasker-Schüler heiratete 1903 den Herausgeber und Schriftsteller Herwarth Walden. In ihren neun Ehejahren gründete Walden eine Zeitschrift, an der diverse Expressionisten mitwirkten. Den Titel Der Sturm verdankte Walden seiner Frau. Namen, die heute allgemein bekannt sind, bildeten damals die künstlerische Avantgarde, die Walden und Lasker-Schüler um sich herum gruppierten: René Schickele, August Stramm, Karl Kraus. Mit Georg Trakl und Gottfried Benn war Lasker-Schüler zudem befreundet. Später, nachdem Walden seine zweite Frau geheiratet hatte, traten auch Namen von Bildkünstlern hinzu, unter anderem Franz Marc, Alfred Döblin und Marc Chagall. Neben dem Ruhm als avantgardistisches Sammelbecken, erntete Waldens Zeitschrift auch Kritik, ein geschäftsorientiertes Literaturunternehmen zu sein.

 

Else Lasker-Schüler ging derweil mit der Zeit. Zu dem 1914 erschienenen Kino-Buch trug sie die Morgenländsiche Komödie Plumm Pascha bei, denn wie viele andere Expressionisten war auch sie fasziniert von den Möglichkeiten des neuen Kinos. Außerdem ging sie mit Franz Marc ein poetisch-künstlerisches Abenteuer ein, sie schrieben und malten sich Postkarten.

 

1910 gab Lasker-Schüler die Poetik einer Handschrift heraus. Damit entwickelte sie eine Vergegenständlichung von Sprache, eine Art Konzept einer Ursprache in Form von Zeichnungen von Hieroglyphen und Tätowierungen, das Parallelen zu ähnlichen Konzepten aus dem russischen Futurismus aufweist.

 

Die Lyrik Lasker-Schülers ist ingesamt geprägt von mythischen Anspielungen, verträumten Bildlichkeiten und unmittelbaren Gefühlsdarstellungen. Auf formale Regularien wie Reime oder Versmaß verzichtete die Dichterin weitgehend zugunsten des semantischen Gehalts.

 

Ein Gastbeitrag von kultürlich.

 


Einen Sommer lang

von Detlev von Liliencron

 

Zwischen Roggenfeld und Hecken

Führt ein schmaler Gang,

Süßes, seliges Verstecken

Einen Sommer lang.

 

Wenn wir uns von ferne sehen

Zögert sie den Schritt,

Rupft ein Hälmchen sich im Gehen,

Nimmt ein Blättchen mit.

 

Hat mit Ähren sich das Mieder

Unschuldig geschmückt,

Sich den Hut verlegen nieder

In die Stirn gerückt.

 

Finster kommt sie langsam näher,

Färbt sich rot wie Mohn,

Doch ich bin ein feiner Späher,

Kenn die Schelmin schon.

 

Noch ein Blick in Weg und Weite,

Ruhig liegt die Welt,

Und es hat an ihre Seite

Mich der Sturm gesellt.

 

Zwischen Roggenfeld und Hecken

Führt ein schmaler Gang,

süßes, seliges Verstecken

Einen Sommer lang.

 

 

Interpretation

Das Gedicht "Einen Sommer lang" von Detlev von Liliencron ist in sechs Strophen mit je vier Versen gegliedert und weist einen reinen Kreuzreim (a b a b) auf, der dem Gedicht eine gleichmäßige Melodie verleiht. Die erste und letzte Strophe sind identisch und geben dem Gedicht einen Rahmen, zeigen auf, wo sich die Handlung abspielt: "Zwischen Roggenfeld und Hecken (...)" (V.1, Z.1 und V.6, Z.21). Eine junge Frau und ein junger Mann begegnen sich einen Sommer lang immer wieder auf dem "schmalen Gang" (V.2, Z.2 und V.6, Z.22) zwischen den Feldern und spielen eine Art Versteckspiel miteinander ("süßes, seliges Verstecken"). Sie wirkt schüchtern, wenn sie ihn sieht und zupft verlegen an einem Grashalm (V.2). Ihr Kleid hat sie mit Ähren geschmückt. Den Hut hat sie sich tief in die Stirn gezogen, um ihre Blicke und ihr Gesicht zu verbergen (V.3). Durch das äußere Erscheinungsbild wirkt sie unschuldig und brav, wirft ihm jedoch immer wieder Blicke zu. Als sich die beiden näher entgegen kommen, zeigt sie einen finsteren Blick, um vielleicht unnahbar zu wirken, jedoch errötet ihr Gesicht "wie Mohn" (V.4, Z.14). Ihr Gegenüber beobachtet dies und hat die "Schelmin" (V.4, Z.16) durchschaut, da sie ihn schon aus der Ferne beobachtet hat. In der fünften Strophe genießen die beiden den gemeinsamen friedlichen Moment ("Ruhig liegt die Welt") bis sich ihre Wege wieder trennen werden. Der Sturm, welcher sich mit ihr an seine Seite gesellt hat (V.5, Z.19-20), könnte für den Sturm der Gefühle stehen, der in beiden tobt.

 

Das Gedicht spiegelt eine ländliche Romantik wieder, in der das Mädchen als schüchtern, brav und unschuldig auftritt und gleich als "Schelmin" bezeichnet wird, weil sie den Jungen beobachtet. Der Junge tritt als lyrisches Ich auf und beschreibt das Geschehnis.

 

Friedrich Adolf Axel Freiherr von Liliencron wurde am 3. Juni 1844 in Kiel geboren. Sein Vater war dänischer Zollbeamter. Die Ausbildung am Gymnasium brach er ab und ging daraufhin zur Realschule. Nach seinem Eintritt in die Berliner Kadettenschule wurde er Kavallerieoffizier in der preußischen Armee und erhielt für seinen Einsatz im Preußisch-Deutschen Krieg und im Deutsch-Französischen Krieg mehrfache Auszeichnungen. Sein großes Laster war das Glücksspiel, aus dem Schulden erwachsen, wegen der er 1875 den Dienst quittieren musste.

 

Von 1875 bis 1877 arbeitete er als Klavier- und Sprachlehrer in Amerika, 1877 kehrte er nach Deutschland zurück, arbeitete in der preußischen Verwaltung und heiratete die Adelige Helene von Bodenhausen, 1882 ernannte man ihn zum Hardesvogt (=Landrat) auf der nordfriesischen Insel Pellworm. Da Liliencron stark verschuldet war, musste er 1885 aus dem Staatsdienst ausscheiden. Die Scheidung von Helena von Bodenhausen folgte im selben Jahr. Ab 1885 lebte er als freier Schriftsteller und heiratete 1887 die Gastwirtstochter Augusta Brandt. In dieser Zeit knüpfte er Kontakte zu verschiedenen literarischen Kreisen und lernte u.a. Otto Julius Bierbaum und Gustav Falke kennen. Einige seiner Werke wurden veröffentlicht. 1892 folgte seine zweite Scheidung.

 

Liliencron versuchte mit Vortragsreisen Geld zu verdienen, um seine Schulden abzuzahlen. 1899 heiratete er die Bauerntochter Anna Micheel. In seinen letzten Jahren lebte er in Alt-Rahlstedt und erhielt ein Ehrengeld von Kaiser Wilhelm II. Seine Karriere als Schriftsteller erlebte in dieser Zeit ihren Höhepunkt. Zu seinem 65. Geburtstag erhielt er die Ehrendoktorwürde der Universität Kiel. Nachdem er zu den Schlachtfeldern der Deutsch-Französischen Kriege gereist war, erlag Liliencron am 22. Juli 1909 den Folgen einer Lungenentzündung.

 

Seine Werke lassen sich schwer einer bestimmten Epoche zuordnen. Spannungen zwischen Naturalismus und Neuromantik als auch die Wirkung auf spätere Expressionisten stehen für seine Gedichte. Bekannter sind jedoch seine Balladen wie beispielsweise "Trutz, blanke Hans" (1882/1883).

 

Ein Gastbeitrag von kultürlich.

 


Auswanderer

von Hedwig Lachmann

 

Sie nehmen ihre Kinder an der Hand

Und ziehen fort; es duldet sie kein Land.

 

Grenzwächter sind auf ihren Weg gestellt,

Wie wenn ein Hund am Tor die Wache hält.

 

Sind überm Meer noch ein paar Ackerbreit,

Worauf nicht Gras noch Futterkorn gedeiht?

 

Sanddünen, die kein Sämann noch bewarf,

Dass dort ein Bettelvolk verhungern darf?

 

Der Bauch der Schiffe nimmt sie endlich auf,

Zum Ballast hingeworfen, Hauf um Hauf.

 

Und setzt sie an den fernen Küsten aus

Wie Findlingskinder vor ein fremdes Haus.

 

 

Interpretation

Das Gedicht "Auswanderer" setzt sich aus sechs Strophen mit je zwei Versen zusammen. Ausnahmslos im Paarreim mit einem fünfhebigen Jamus verfasst, weist das Gedicht eine gleichmäßige Struktur auf. 

 

Die erste Strophe führt direkt in die bedrückende Thematik ein. Nicht näher definierte Heimatlose müssen mit ihren Kindern ihren Wohnort verlassen, denn "es duldet sie kein Land" (V.2).

 

Die "Grenzwächter" (V.3), die ihnen auf ihrer Flucht den Weg versperren, beschreibt Lachmann als Wachhunde. Der Vergleich vermittelt das Gefühl von Angst und körperlicher Bedrohung.

 

Die Frage in der dritten Strophe äußert die Hoffnungen der Auswanderer. Ihr Ziel ist ein Land auf der anderen Seite des Meeres, das "noch ein paar Ackerbreit" (V.5) bereithalten möge, um sich dort niederzulassen. Dafür nehmen die Ungeduldeten selbst unfruchtbaren Boden in Kauf, auf dem "nicht Gras noch Futterkorn gedeiht" (V.6).

 

Auch die vierte Strophe fährt mit einer Frage fort, die den Ernst der Lage näher einordnet. Denn nun beschreibt Lachmann die Sorgen des "Bettelvolk[es]" (V.8) vor dem Hungertod, der ihnen unweigerlich droht.

 

Doch sie haben Glück: "Der Bauch der Schiffe nimmt sie endlich auf" (V.9). Dennoch sind sie nur dem restlichen "Ballast" (V.10) gleich. Die Anapher "Hauf um Hauf" (V.10) verstärkt das Gefühl der Enge, in der die Auswanderer in den Laderäumen der Schiffe aneinandergedrängt verharren müssen.

Schließlich werden sie "an den fernen Küsten" (V.11) ausgesetzt, "[w]ie Findlingskinder vor ein fremdes Haus" (V.12). Der Vergleich offenbart die Hilflosigkeit der Geflüchteten. Sie sind nun mittellos, ohne Heimat und auf die Barmherzigkeit Fremder angewiesen.

 

Obgleich das Gedicht weder die Personengruppe beschreibt, die hier gezwungen ist, in der Ferne eine neue Heimat zu suchen, noch das Ziel ihrer Reise nennt, dürfte die Migration der Juden nach Amerika gemeint sein. Zum Ende des 19. Jahrhunderts sieht sich die jüdische Bevölkerung besonders in Osteuropa einer Welle des Antisemitismus ausgesetzt. Der beginnende Erste Weltkrieg, verbunden mit Hunger, Vertreibung und Tod, bietet für viele schließlich weitere Gründe, Europa endgültig zu verlassen und auf dem amerikanischen Kontinent eine Heimat zu suchen. Nach mehrtägigen Schiffsreisen auf engstem Raum in den USA angekommen, müssen die verarmten und hungernden Ausgewanderten von vorne beginnen und stoßen auch dort vielerorts schnell auf Abneigung und Repression seitens der Bevölkerung und Regierung.

 

Das Gedicht "Auswanderer" wurde 1919 posthum in einem Sammelband veröffentlicht. Seine Entstehung fällt somit in eine Hochphase der jüdischen Migration nach Amerika, die Hedwig Lachmann, selbst Jüdin, unweigerlich in ihrem Umfeld beobachtet haben muss. Lachmann kommt 1865 in der Provinz Pommern zur Welt. Die Leiden des Krieges erfährt die Schriftstellerin, Übersetzerin und Dichterin am eigenen Leib. Hunger und eine schlechte medizinische Versorgung sind stetige Begleitung während der Kriegsjahre. 1918 stirbt Lachmann an einer Lungenentzündung in Krumbach.

 

Ein Gastbeitrag von kultürlich.

 


Das Frühlingsmahl

von Wilhelm Müller

 

Wer hat die weißen Tücher

Gebreitet über das Land?

Die weißen duftenden Tücher

Mit ihrem grünen Rand?

 

Und darüber gezogen

Das hohe blaue Zelt?

Darunter den bunten Teppich

Gelagert über das Feld?

 

Er ist es selbst gewesen,

Der gut reiche Wirt

Des Himmels und der Erden,

Der nimmer ärmer wird.

 

Er hat gedeckt die Tische

in seinem weiten Saal,

Und ruft was lebt und webet,

Zum großen Frühlingsmahl.

 

Wie strömt's aus allen Blüten

Herab von Strauch und Baum!

Und jede Blüt' ein Becher

Voll süßer Düfte Schaum.

 

Hört ihr des Wirtes Stimme?

"Heran, was kriecht und fliegt,

Was geht und steht auf Erden,

Was unter den Wogen sich wiegt!

 

Und du mein Himmelspilger,

Hier trinke trunken dich,

Und sinke selig nieder

Auf' Knie und denk an mich!"

 

 

 

Interpretation

Das Gedicht "Frühlingsmahl" von Wilhelm Müller wurde 1826 veröffentlicht und beschreibt den Wechsel der Jahreszeiten mit dem Herrichten eines Festmahls. Es ist in sieben Strophen mit je vier Versen gegliedert und weist einen unreinen Reim auf.

 

Das Bild für das Frühlingserwachen ist das Decken eines Tisches in einem großen Saal, der von Gott selber hergerichtet wird. Die erste Strophe fragt danach, wer die weißen Blumen, die wie "Weiße Tücher" (Z.1) auf den Feldern liegen, ausgebreitet hat. Sie verbreiten ihren Duft und lassen erste grüne Sprossen erscheinen wie "grüne Ränder" (V.3-4). Bekannte weiße Frühlingsblumen sind die Schneeglöckchen, die hier gemeint sein könnten.

 

Über den Feldern befindet sich der blaue Himmel, der sich wie ein "hohen blaues Zelt" (V.5-6) darüber wölbt. Unter dem Himmel liegt ein "bunter Teppich" (V.8-9) aus Blumen aller Farben. Doch von wem kommen diese bunten Gaben unter dem blauen Himmel auf den weißen Feldern?

 

"Der gut reiche Wirt des Himmels und der Erden" (V.10-11) hat den Frühling mit seinen Blumen und Blüten hervorgebracht. Der Wirt ist eine Metapher für Gott, der hier als Schöpfer des Himmels und der Erde auftritt und die Tische gedeckt hat in seinem weiten Saal, der Erde (V.13-14). Er ruft alle Tiere auf, die leben und weben (V.15) zu einem großen Frühlingsmahl. Alle Tiere strömen aus den Blüten, aus Sträuchern und Bäumen (V.17-18). In jeder Blüte steckt "ein Becher voll süßer Düfte Schaum", an denen die Tiere sich erfreuen. Der Blütennektar wird wie ein Dessert dargestellt, das in einem Becher angerichtet ist.

 

Der Wirt spricht schließlich zu den Tieren, dass sie alle herbeikommen sollen, die auf Erden leben (V.21-24).

 

Johann Ludwig Wilhelm Müller wurde am 7. Oktober 1794 in Dessau geboren. Sein Vater Christian Leopold Müller war Schneider und mit Marie Leopoldine, geborene Cellarius, verheiratet. Zusammen hatten sie sechs Kinder, jedoch starben die Geschwister von Wilhelm sowie seine Mutter sehr früh. Nach längerer Krankheit und finanzieller Not heiratete sein Vater 1809 die wohlhabende Witwe Marie Seelmann.

 

Wilhelm Müller begann 1812 in Berlin ein Studium der Philologie, nahm jedoch als Freiwilliger an den Befreiungskämpfen gegen Napoleon teil, ab 1814 als Leutnant.

 

In der Berliner Literaturszene lernte er u.a. Clemens Brentano und Ludwig Berger kennen, der einige von Müllers Texten für Liederspiele vertonte, die auch Teil von Bergers Liederzyklus Gesänge aus einem gesellschaftlichen Liederspiel "Die schöne Müllerin" wurden. 1817/1818 unternahm Müller eine Bildungsreise nach Italien.

 

1819 folgte seine Ernennung zum Gymnasiallehrer in Dessau und später zum Herzoglichen Bibliothekar. Zwei Jahre später heiratete er Adelheid Basedow, mit der er zwei Kinder hatte.

 

1824 brachte es Müller zum Hofrat, doch zwei Jahre später erkrankte er an Keuchhusten. Trotz einiger Kuraufenthalte ging es ihm zunehmend schlechter, bis er am 1. Oktober 1827 mit 32 Jahren an einem Herzinfarkt starb.

 

Besonders bekannt waren seine gesellschaftskritischen Volkslieder. Seine Gedichtzyklen "Die schöne Müllerin" und "Winterreise" wurden von Franz Schubert vertont. Auch seine Arbeit für die im Brockhaus Verlag erschienene "Bibliothek deutscher Dichter des siebzehnten Jahrhunderts" war bekannt und wurde von dem Dresdner Dichter und Übersetzer Karl August Förster weitergeführt. Müller arbeitete außerdem für das Literarische Konversationsblatt und die Zeitschrift Hermes.

 

Ein Gastbeitrag von kultürlich.

 


Bild: Foto Friedrich Schiller Büste Goethe Hoffnung Gedichte Crusius Cotta Klett Cotta

Hoffnung

von Friedrich Schiller

 

Es reden und träumen die Menschen viel

Von bessern künftigen Tagen;

Nach einem glücklichen, goldenen Ziel

Sieht man sie rennen und jagen.

Die Welt wird alt und wird wieder jung,

Doch der Mensch hofft immer Verbesserung.

 Die Hoffnung führt ihn ins Leben ein,

Sie umflattert den fröhlichen Knaben,

Den Jüngling locket ihr Zauberschein,

Sie wird mit dem Greis nicht begraben;

Denn beschließt er im Grabe den müden Lauf,

Noch am Grabe pflanzt er - die Hoffnung auf.

 

 

Es ist kein leerer, schmeichelnder Wahn,

Erzeugt im Gehirne des Toren.

Im Herzen zündet es laut sich an:

Zu was Besserm sind wir geboren;

Und was die innere Stimme spricht,

Das täuscht die hoffende Seele nicht.

 

 

 

Interpretation

Die erste Strophe des Gedichts Hoffnung von Friedrich Schiller handelt davon, dass die Menschen viel von besseren Tagen reden und träumen, dass sie nach einem "glücklichen, goldenen Ziel" (V.3) rennen und immer auf Verbesserung hoffen. Eine Kritik schwingt schon hier mit, wenn die Menschen nach dem Ziel "rennen und jagen" (V.4) und "immer" (V.6) auf Verbesserung hoffen, sie sind demnach nie zufrieden mit dem was sie haben und kriegen nie genug.

 

In der zweiten Strophe führt die Hoffnung den Menschen in das Leben ein, gemeint sind hier die Geburt und die Möglichkeiten, die ein neues Leben bieten kann. Der Knabe ist "fröhlich" (V.8), denn er kennt noch nicht die Zwänge und Pflichten des erwachsenen Lebens, und wird als "Jüngling" (V.9) von ihrem "Zauberschein" (V.10) gelockt, also von der Hoffnung auf ein erfülltes Leben. Dass es sich dabei um einen Zauberschein handelt, der in der Realität nicht aufrecht erhalten werden kann, verstärkt den kritischen Unterton des Gedichts. Ist der Jüngling dann zum "Greis" (V.10) geworden, wird die Hoffnung nicht mit ihm begraben, denn er beschließt im Grabe auch den "müden Lauf" (V.11) des Lebens, entsteht noch am Grab wieder Hoffnung (vgl. V.12). Damit beschreibt das Gedicht den Kreislauf von Leben und Tod, vom Werden, Vergehen und wieder Werden der Natur.

 

Die dritte Strophe setzt sich inhaltlich etwas ab von den ersten beiden. Hier betont das lyrische Ich, dass es "kein leerer, schmeichelnder Wahn, Erzeugt im Gehirne des Thoren" (V.13) ist, dass die Menschen zu was Besserem geboren sind. Es ist also kein "Wahn" des Verstandes, sondern eine Erkenntnis des "Herzen[s]" (V.15). "Und was die innere Stimme spricht" (V.17), also die Stimme des Herzens, ist wahr, denn sie "täuscht die hoffende Seele nicht" (V.18). Was das lyrische Ich uns also mitteilt, ist das, was wir auch aus der Weisheit unserer Großeltern kennen: Höre auf dein Herz.

 

Während sich das lyrische Ich in den ersten beiden Strophen noch deutlich von den Menschen distanziert, indem es in der dritten Person von ihnen spricht, zählt es sich in der dritten und letzten Strophe hinzu, denn im 16. Vers heißt es: "Zu was Besserm sind wir geboren".

 

Von den Zeitgenossen wurde Friedrich Schiller (1759-1805) besonders wegen seiner Dramen geschätzt. Doch auch mit seiner Lyrik sowie mit seinen prosaischen und historischen Schriften fand er Anerkennung. Das Gedicht "Hoffnung" wurde in einer Jubiläums-Ausgabe des Cotta'schen Verlags aus Stuttgart veröffentlicht. Die Gedichte dieser Prachtausgabe sind in drei Perioden eingeteilt, "Hoffnung" stammt aus der dritten und umfangreichsten Periode. Gewidmet wurde die Prachtausgabe dem Großherzog von Sachsen Karl Alexander.

 

Seit 1791 plante Schiller mit dem Verleger Siegfried Leberecht Crusius (1738-1824), der eines der fünf wichtigsten Verlagshäuser der Spätaufklärung unterhielt, eine Gesamtausgabe seiner Schriften, die erste Sammlung erschien im Jahr 1800. Die Gedichte seiner Jugend sortierte er allerdings zunächst aus. 1803 erschien die nächste Sammlung, die auch einige von Schillers Jugendgedichten enthielt. Schiller war die Gestaltung der Bücher besonders wichtig. Sie sollten von typografischer Schönheit und auf gutem Papier gedruckt sein. Außerdem sollten sie durch äußere Eleganz bestechen. 

 

Als Crusius dem Dichter vorschlug, eine Prachtausgabe zu gestalten, freute sich Schiller sehr und übertrug dem Verleger gleich die Eigentumsrechte für die künftigen Auflagen. Die Prachtausgabe sollte den höchsten Ansprüchen gerecht werden, so forderte Schiller ein Großformat, schönste Kupferverzierungen, Vignetten zum Beginn und zum Ende der Gedichte. Außerdem schlug er einen hohen Verkaufspreis vor, da die teuren Prachtausgaben seinen Beobachtungen nach zuerst gekauft wurden.

 

Schillers Tod am 9. Mai 1805 verhinderte die weitere Arbeit und den geplanten Druck der Prachtausgabe. Und seine Witwe Charlotte gab den gesamten literarischen Nachlass an den Verleger Cotta ab. Crusius war damit nicht einverstanden, hatte der doch die Eigentumsrechte von Schiller selbst erhalten. Crusius wollte die Rechte nicht aufgeben und so wandte sich Charlotte im November 1807 mit der Angelegenheit an den König. Der König entschied zu Gunsten beider Verleger, sowohl Crusius als auch Cotta durften künftig Schillers Schriften herausgeben.

 

Die Prachtausgabe erschien schließlich im Cotta'schen Verlag, allerdings erst im Jahr 1859, zu Schillers 100. Geburtstag. Dabei handelt es sich um das erste Werk der Buchdruckerkunst, das mit Fotografien geschmückt verlegt wurde. Was die Einteilung der Gedichte in Perioden angeht, so entschied sich der Verlag für eine chronologische Anordnung, nicht für die Ordnung, die Schiller vor seinem Tode vorgenommen hatte.

 

Ein Gastbeitrag von kultürlich.