Minidrama (Archiv)


Hey, Capulet-Babe!

 

I. Akt

Ein Abend in Verona. Romeo biegt mit seiner Vespa knatternd um die Ecke. Nachdem er sie vor dem Haus der Capulets geparkt hat, huscht er unbemerkt unter Julias Balkonfenster. Julia erscheint.

ROMEO (freudig erregt): Sie ist es, meine Göttin! Meine Liebe!

JULIA (summend): Il sole, il sole mio...

ROMEO: Sie spricht, doch sagt sie nichts: was schadet das?

JULIA (summend): ...sta in fronte a te...

ROMEO: O wie sie auf die Hand die Wange lehnt! Wär' ich der Handschuh doch auf dieser Hand und küsste diese Wange!

JULIA (summend): ...sta in fronte a te!

ROMEO: Horch! Sie spricht. O sprich noch einmal, holder Engel!

Julia bemerkt, dass sie nicht allein ist.

JULIA: Bist du es, Romeo, Schrecken aller scharfen Bräute?

ROMEO: O Julia! O Holde!

JULIA: Einfach unkaputtbar, dieser Shakespeare-Sound.

ROMEO: O Julia! O Holde!

JULIA: Okay, okay. Wie kamst du her? Und warum?

ROMEO: Der Liebe leichte Schwingen trugen mich.

JULIA: Aha.

ROMEO: Kein steinern Bollwerk kann der Liebe wehren...

JULIA: Schon klar.

ROMEO: ...und Liebe wagt, was irgend Liebe kann.

JULIA: Gewiss, mein Casanova.

ROMEO: Ich schwöre, Fräulein, bei dem heil'gen Mond, der silbern dieser Bäume Wipfel säumt...

JULIA: Jetzt waffel mal nicht so daher.

ROMEO: Sag, liebst du mich?

JULIA: Wie geil ist das denn?

ROMEO: Drei Worte, Julia, dann gute Nacht!

JULIA: Tschüß. Servus. Ciao.

ROMEO: Du verlässt mich so unbefriedigt?

JULIA: 100 Punkte, ganz genau.

ROMEO: Schönheit, die der Lust sich streng enthält, bringt um ihr Erb' die ungeborne Welt.

JULIA: Wenn du im Fummelschuppen abspacken willst, musst du ein paar Häuser weiterziehen...

Romeo schwingt sich auf seine Vespa und knattert in die Mondnacht.

 

II. Akt

Nacht. Julias Schlafzimmer. Sie holt sich ein Alcopop-Getränk aus der Hausbar, dreht eine doppelte Pirouette auf dem Bettvorleger und schmeißt beschwingt die Musikbox an. 

ROMEO: Was ist das denn für Gammelfleischpartymucke?

Julia drückt auf die Fernbedienung.

ROMEO: Und jetzt?

JULIA: Rumoxidieren? Kleiner Late-Night-Plausch?

ROMEO (genervt): Nicht dein Ernst, oder?

JULIA: Wie wär's mit: Knuscheln? Knutscheln? Knuffknuff?

ROMEO: Voll die Emo-Scheiße.

Julia nimmt eine Zigarette in die Hand und spitzt die Lippen zu einem Kussmund.

JULIA: Haste mal Feuer?

ROMEO (erhitzt): Aber nur, wenn du mir deinen Ritzenflitzer zeigst...

 

III. Akt

Julias Schlafzimmer. Der erste Sonnenstrahl fällt herein. Vogelgezwitscher.

JULIA (verträumt): Willst du schon gehen? Der Tag ist ja noch fern. Es war die Nachtigall und nicht die Lerche, die eben jetzt dein banges Ohr durchdrang.

ROMEO: Wie war ich?

JULIA (verträumt): Trau mir, das Licht ist nicht des Tages Licht, die Sonne hauchte dieses Luftbild aus, dein Fackelträger diese Nacht zu sein, dir auf dem Weg nach Mantua zu leuchten; drum bleibe noch.

ROMEO: Okay, okay.

Er zündet sich eine Zigarette an.

JULIA (verträumt): Ist Lieb' ein zartes Ding? Sie ist rau, zu wild, zu tobend; und sie sticht wie Dorn.

ROMEO: Hey Capulet-Babe. Wie war ich?

JULIA (verstört): Mein Ohr trank keine hundert Worte noch von diesen Lippen, doch es kennt den Ton. Bist du nicht Romeo, ein Montague?

ROMEO: Der mit der Männermilch.

JULIA (flehend): O holder Romeo! Wenn du mich liebst: Sag's ohne Falsch!

Er drückt die Zigarette aus, steht auf und zieht sich an.

JULIA (fiebrig): Des Sommers warmer Hauch kann diese Knospe der Liebe wohl zur schönen Blum' entfalten, bis wir das nächste Mal uns wiedersehen.

ROMEO: Heute Abend ist wieder Embryoschubsen. Kommste mit?

JULIA (wie im Wahn): Obwohl ich dein mich freue, freu ich mich nicht des Bundes der nächsten Nacht. Er ist zu rasch, zu unbedacht, zu plötzlich; gleicht allzusehr dem Blitz, der nicht mehr ist, noch eh man sagen kann: es blitzt.

ROMEO: Keinen Bock auf Pärchenterror, oder was?

Beide schauen sich tief in die Augen.

ROMEO und JULIA (zusammen): Das Date ist dem Rendezvous sein Tod.

dra

 


Warten auf Lukas

 

I. Akt

Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt läuft orientierungslos auf dem Münchner Hauptbahnhof umher. Es ist Montag Vormittag. Er kommt gerade aus Peißenberg, mit einer Regionalbahn, nun muss er in einen ICE umsteigen, der ihn nach Berlin fahren soll.

STIMME AUS DEM LAUTSPRECHER: Verehrte Fahrgäste, bitte beachten Sie: Der Zug nach Berlin fährt heute nicht von Gleis 3, sondern von Gleis 26a.

Dobrindt hastet auf das entlegene Gleis. Am Bahnsteig angekommen, sucht er die Wagons der 1. Klasse.

STIMME AUS DEM LAUTSPRECHER: Der Zug hat heute keine 1. Klasse. Fahrgäste mit einem 1.-Klasse-Ticket dürfen aber die 2. Klasse benutzen, ohne dafür einen Aufpreis zu zahlen.

Dobrindt läuft zum vorderen Zugteil, wo sich das Bordrestaurant befindet. Er ruckelt an der Tür, doch so fest er auch ruckelt, sie lässt sich nicht öffnen.

STIMME AUS DEM LAUTSPRECHER: Leider muss das Bordbistro in der Cooking-Area heute geschlossen bleiben. Aber lieber so, als Schienenersatzverkehr, gell?

Dobrindt läuft zum hinteren Zugteil und steigt endlich ein.

 

II. Akt

Dobrindt stolpert durch den rappelvollen Zug. Sämtliche Sitzplätze sind belegt. Er scheint aber gar keinen Sitzplatz zu suchen, sondern ein freies Klo. Schweiß rinnt von seiner Stirn. Der Zugführer kommt.

DOBRINDT (hektisch): Sie, ich such' jetzt seit einer geschlagenen Viertelstunde eine betriebsbereite Bordtoilette...

ZUGFÜHRER: Sie meinen McClean?

DOBRINDT (mahnend): Haben Sie nicht mitbekommen, dass es ein striktes Denglish-Verbot gibt?

ZUGFÜHRER: Ein Denglish-Verbot im Denglish-Dollhaus Deutsche Bahn?

DOBRINDT (hektisch): Also, ich müsste jetzt wirklich mal dringend eine Pinkelpause einlegen...

ZUGFÜHRER: Kein Problem. Er knipst sein mobiles Bordmikrophon an. Attention, please! Eine Durchsage von großer Dringlichkeit! Der Zug macht einen außerplanmäßigen Pinkelpausenhalt für eine Minister-Biobreak...

 

III. Akt

Ankunft in Nürnberg. Fahrgäste steigen aus, neue Fahrgäste steigen ein. Dobrindt ergattert einen Sitzplatz neben einem älteren Herrn.

STIMME DES ZUGFÜHRERS: Wegen einer Signalstörung verzögert sich die Weiterfahrt um voraussichtlich fünf Minuten.

Dobrindt starrt vor sich hin. Fünf Minuten später.

STIMME DES ZUGFÜHRERS: Die Weiterfahrt verzögert sich noch einmal um zehn Minuten. Grund dafür ist eine Weichenstörung.

Dobrindt starrt vor sich hin. Zehn Minuten später.

STIMME DES ZUGFÜHRERS: Verehrte Fahrgäste, wir haben eine Störung im Railflow... Äh, das heißt, es befindet sich ein Ochse auf den Gleisen. Eine Einsatzstaffel wurde bereits alarmiert.

Allgemeines Gelächter. Nur Dobrindt starrt vor sich hin. Plötzlich ergreift der ältere Herr das Wort.

ÄLTERER HERR: Kennen Sie Lukas, den Lokomotivführer?

Dobrindt schweigt.

ÄLTERER HERR: Er kurvte mit seiner Lokomotive, der dicken Emma, durch die fünf Tunnels von Lummerland, wobei die dicke Emma laut schnaufte und vor Vergnügen pfiff. Manchmal pfiff auch Lukas, dann pfiffen sie zweistimmig, was sich sehr lustig anhörte, besonders in den Tunnels, weil es da so schön hallte. Abends, nach dem vielen Tüff-Tüff auf den geschlängelten Gleisen, wusch sich Lukas mit einer besonderen Lokomotivführerseife, um den Ruß, den ihm die dicke Emma ins runde Gesicht blies, wegzubekommen, was ihm aber nie gelang. Nebenbei war Lukas ein Künstler. Und zwar im Spucken. Er zielte so genau, dass er ein brennendes Streichholz auf dreieinhalb Meter Entfernung auszulöschen vermochte. Er konnte sogar einen Looping spucken!

Dobrindt starrt schweigend vor sich hin.

ÄLTERER HERR: Wollten Sie niemals Lokomotivführer werden?

dra

 


Latin Lover im Beichtstuhl

 

I. Akt

Der Petersdom in Rom. Es ist später Nachmittag. Touristen drängeln sich durch die heiligen Hallen. Niemand nimmt Notiz von Franziskus, der durch einen Seiteneingang hereintritt. Knarzend und wie von Geisterhand öffnet sich die Beichtstuhltür.

FRANZISKUS: Pater, ich habe fürchterliche Sünden begangen.

PATER: Lass hören!

FRANZISKUS: Ich hab' meinem Vater immer die Ringelsocken gemopst.

PATER: Das ist doch längst verjährt.

FRANZISKUS: Ich fahr mit meiner Vespa bei Rot über die Ampel.

PATER: Das macht doch jeder.

FRANZISKUS: Ich drücke, obwohl alle glauben, ich sei Fan des AC Rom, heimlich Bayern München die Daumen.

PATER: Das, mein Sohn, ist in der Tat unverzeihlich!

FRANZISKUS: Das ist aber noch nicht alles. Ich bin jährzornig, besserwisserisch und launenhaft. Ich bin maßlos beim Spaghettiessen, schamlos beim Witzeerzählen, und so oft ich kann gucke ich Vampirfilme an. Pause. Außerdem ist mein Latein holprig wie die Straßen in Palermo.

Er zündet sich eine Zigarette an.

PATER (mahnend): Mein Sohn, dies ist ein Nichtraucher-Beichtstuhl.

Franziskus geht hinaus.

 

II. Akt

Eine Zigarettenlänge später. Franziskus betritt erneut den Beichtstuhl.

FRANZISKUS: In meinem Pass steht, dass ich 1,79 Meter groß bin. Dabei bin ich in Wahrheit bloß 1,75 Meter.

PATER: Genug!

FRANZISKUS: Außerdem bin ich der Solitär-Spielsucht verfallen. 

PATER: Es reicht! Pause. Sag mal, deine Stimme kommt mir irgendwie bekannt vor. Pause. Hast du neulich nicht eine Predigt bei Radio Vatikan gehalten?

Franziskus zieht eine Rotweinflasche hervor und fängt zu trinken an.

PATER (mahnend): Mein Sohn, dies ist ein Nichttrinker-Beichtstuhl!

Franziskus geht hinaus.

 

III. Akt

Eine Rotweinflasche später. Franziskus betritt erneut den Beichtstuhl.

FRANZISKUS: Und jetzt?

PATER: Lerne sprechen wie ein Römer.

FRANZISKUS (verdutzt): Ich soll Latin-Lover werden?

PATER: Genau. Sei stark wie Ben Hur...

FRANZISKUS: ... der war doch Rennfahrer...

PATER: ... schön wie Livia...

FRANZISKUS: ... wie dieses Colosseum-Girl...

PATER: ... und klug wie Germanicus...

FRANZISKUS: ... der Gladiator hatte eine Affäre mit Livia.

PATER: Lass dir auf dem Unterarm ein Tatoo machen wie David Beckham - perfectio in spiritu...

FRANZISKUS: ... Perfektion im Geiste.

PATER: Besorg dir ein, wie der Neulateiner sagt, tegumentum...

FRANZISKUS (entsetzt): ... ein Kondom?

PATER: Häng ein Etikett dran, auf dem hundertmal geschrieben steht: amo, amas, amat...

FRANZISKUS: ...amo, amas, amat?

PATER: Blas es auf und lass es in den Himmel steigen, wie einen Luftballon.

Franziskus schweigt. Der Pater kramt aus einem Geheimfach zwei Camparifläschchen hervor.

PATER: Mein sündiger Sohn, nun muss auch ich dir etwas beichten.

FRANZISKUS: Bitte.

PATER: In meinem Kleiderschrank hängt eine tunicula minima.

FRANZISKUS (entsetzt): Das ist Neulatein und heißt: Minirock.

PATER: In meinem Schuhschrank stehen brevissimae bracae feminae.

FRANZISKUS (entsetzt): So heißen Hot Pants in der Sprache von Caesar und Ovid.

PATER: Und in meinem früheren Leben war ich tabernae potóriae minister.

FRANZISKUS (entsetzt): ... Barkeeper.

Beide nehmen einen kräftigen Schluck.

PATER und FRANZISKUS (zusammen): Mens sana in campari soda!

dra