Exportschlager (Archiv)


Autobahn

Synonym für Fahrvergnügen und Geschwindigkeitsrausch. Vor allem US-Amerikaner bekommen leuchtende Augen bei dem Wort, sie denken dabei an eine Wolllust des Dahinrollens, die ihnen der amerikanische Highway mit seinen 90-Meilen-Schildern nicht bietet. Die weltweit erste Autobahn, damals noch "Autostraße" genannt, wurde in Deutschland im Jahre 1932 zwischen Bonn und Köln eröffnet, und von KdF-Wagen (den ersten Volkswagen) und Panzern befahren. Endlose, den Märchenwald zerschneidende Autobahnkilometer folgten, gesäumt von Notrufsäulen, Wickelstationen und Autobahnkirchen, verklärt zu deutschen Lebensadern und zur letzten Bastion der Freiheit in einem ansonsten überregulierten Staat. Autobahnfahrer sind Bleifußpropagandisten. Sie drücken auf die Tube, geben Gas, kratzen die Kurven und schmettern dabei die Autobahnfahrerhymne: "Mein Maserati fährt zweihundertzehn / Schwupp, die Polizei hat's nicht geseh'n / Das macht Spaß / Ich geb' Gas, ich geb' Gas."

"You can be sure it's schnell", dichteten die Werbeleute von Rover, in Anspielung auf die geballte PS-Kraft made in Germany. Die Band "Kraftwerk", die mit ihrem Album "Autobahn" einen Welterfolg feierte, verstärkte diesen Mythos noch. Benutzen US-Amerikaner oder Briten das Wort "Autobahn", meinen sie die deutsche, tempolimitfreie Autobahn mit den rhythmisch vorbeifliegenden Mittelstreifen, ansonsten sprechen sie von "motorway". Auch im Türkischen ("otoban") und Japanischen ("autoban") bekannt. Im Französischen existiert zumindest das Adjektiv "autobahnisé"; es bezeichnet einen von mehrspurigen Trassen durchzogenes Land. 

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Hexe

Ob sie auf einem Besen dahergeritten kam, durch Nacht und Wind und Feuerschein wie in Goethes "Walpurgisnacht" oder als schwäbisch-alemannische Fastnachtshexe, weiß man in den Vereinigten Staaten nicht mehr so genau. Jedenfalls wurde in den 1930er Jahren in York County im Bundesstaat Pennsylvania ein Prozess gegen einen "hex-doctor" geführt, dessen vermeintlichen Zauberkräften die Presse viele Titelstories widmete, sie trugen den Begriff auch in hinterste Provinzen. Seither wird eifrig über Magier, Druiden und Kräuterhexen berichtet, etwa über die mehr als 2 Millionen Wicca-Anhänger. Sie zelebrieren im angloamerikanischen Sprachraum einen modernen Mix aus Heidentum und Naturreligion, angereichert mit Elementen feministischer Göttinnen-Spiritualität. Während man im Deutschen die Hexe nur auf eine weibliche Person bezieht, kann "hex" im amerikanischen Englisch auch eine männliche Person bezeichnen. Das seit Anfang des 19. Jahrhunderts im Englischen bekannte Wort ist auch als Verb ("to hex") gebräuchlich. Parallel verwenden Amerikaner und Briten das Wort "witch". Heutzutage bezeichnen sich viele Frauen als Hexe, die sich unter anderem mit Heilkräutern und den alten europäischen Religionen beschäftigen. Überhaupt scheint die böse Hexe von lauter guten Hexen verdrängt worden zu sein, siehe das Kinder verzückende Hörspiel "Bibi Blocksberg", die drei Hexen der amerikanischen Fernsehserie "Charmed" oder die strebsame Hermine aus "Harry Potter". Im "Oxford English Dictionary" verzeichnet. 

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Besserwisser

Schlau, schlauer, am schlauesten. Ist aber oft nur dumm, dümmer, am dümmsten. Nervt in Talkshows, doziert in Ringvorlesungen, schwafelt in Expertenrunden, belehrt in Leitartikeln, labert an Stammtischen. Das alles so meinungsstark wie faktenarm. Kritik fasst er als Majestätsbeleidigung auf, Denkpausen als Unterwerfungsgesten. Die Einzigen, die seine Monologe und Haarspaltereien wirklich mögen, sind die ihm verwandten Rechthaber, Intelligenzbolzen, Oberlehrer, Korinthenkacker, Prinzipienreiter, Streber, Klugscheißer und Wichtigtuer. Das deutsche Wort "Besserwisser", schon den allwissenden Brüdern Grimm bekannt, hat es im Laufe des 20. Jahrhunderts in den hohen Norden verschlagen, ins Finnische ("besservisser", "besserwisser") und Schwedische ("besserwisser"). Es taucht seit einigen Jahren auch in englischen Zeitungsberichten auf, besonders in solchen, die den innerdeutschen Ost-West-Spannungen gewidmet sind. Weil die Ossis die Wessis mehrheitlich als arrogant empfinden, bildete sich das neudeutsche Schimpfwort "Besserwessi" heraus. 

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verboten

"Betreten des Rasens verboten!", "Rauchen verboten!", "Fahrräder anlehnen verboten!", "Tauben füttern verboten!" - eigentlich fehlt im deutschen Schilderwald nur noch ein Verbot der Schilderverbote. Soweit wird es natürlich nicht kommen, mögen aufgeklärte, von den Suchscheinwerfern der staatlichen Überwachungskommandos geblendete Bürger auch noch so sehr den zunehmenden Verlust ihrer Privatsphäre beklagen: Das Bedürfnis zur Befehlserteilung speist sich immer auch aus einem Bedürfnis zur Befehlsausführung, und umgekehrt. Deshalb überfluten Hausordnungen, Schrebergartensatzungen, und Schicklichkeitsregelwerke weiterhin das Land, und deshalb auch bekriegen sich Ordnungs- und Gerechtigkeitsfanatiker hingebungsvoll in Nachbarschaftsprozessen aller Art. Noch vor dem ersten Weltkrieg gelangte das Wort "verboten" ins Englische, wo es seit den Kriegserlebnissen den Sprachschatz bereichert. "Smoking is verboten in here" sagt der britische Pubbesitzer. Im Fernsehen hört man einen Politiker sagen: "There is no verbotens with me!" Womit er unmissverständlich zum Ausdruck bringen will, dass es bei ihm keinerlei Tabus gibt. Für das im "Oxford English Dictionary" verzeichnete Adjektiv "verboten" (sprich: "wöboten") sind Briten wohl auch deshalb so empfänglich, weil bei ihnen die skurrilsten Gesetze gelten: Parlaments-mitgliedern ist es untersagt, in Rüstungen zu erscheinen, und das schon seit 1279. Im Westminster Palace darf man nicht sterben, da der Tote sonst Anspruch auf ein Staatsbegräbnis hat. Streng verboten ist es auch, ohne richterlichen Beschluss auf Außerirdische zu schießen. Falschparken ist sowieso verboten. Ein Schilder-waldsterben muss auch in Großbritannien niemand befürchten.

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Christkind

Flattert blondgelockt als Gabenbringer durch die Heilige Nacht. Meist ist es so schwer beladen, dass zum Auspacken der Geschenke ein dritter Weihnachtstag hilfreich wäre. Von Martin Luther ersonnen, war es zunächst nur im evangelischen Luftraum unterwegs. Seit dem 19. Jahrhundert setzte es sich zusammen mit Adventskalender und Weihnachtsbaum auch bei den Katholiken durch. Die US-Amerikaner haben das Christkind von deutschen Einwanderern seit 1830 in zahlreichen verstümmelten Varianten übernommen: "Kriss Kringle", "Kriss Kinkle", "Kris Kringle", "Kriskingl", "Crisskingle", "Christ Kinkle". Die Bedeutung schwankt zwischen dem rutenschwingenden Nikolaus, dem schlittenfahrenden Weihnachtsmann, dem schornsteinkletternden Santa Claus und der weihnachtlichen Geschenkelotterie, dem Wichteln. Im "Oxford English Dictionary" als "Christingle" verzeichnet. So landen auch amerikanische und sogar australische Wunschzettel noch immer direkt beim Christkind in 97267 Himmelstadt, gezeichnet mit der Grußformel "Merry X-mas".

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